Samstag, 30.09.2017

11:30 - 13:00

Hörsaal 4

S321

Neurodegenerative Erkrankungen

Moderation: S. Schütze, Frankfurt a. M.; H. Durwen, Düsseldorf

Das Symposium widmet sich aktuellen Entwicklungen im Bereich der neurodegenerativen Erkrankungen. Es beginnt mit einem Beitrag über die Rolle etablierter Assessment-Methoden bei diesen Erkrankungen, insbesondere des Timed up and go-Tests, der sowohl motorische als auch kognitive Funktionen erfasst. Hierauf folgt ein Update über die Differentialdiagnostik und –therapie bei dementiellen Erkrankungen. Ein weiterer Beitrag widmet sich dem vernachlässigten, aber klinisch bedeutsamen Gebiet der nicht-motorischen Symptome beim M. Parkinson. Es folgt die Darstellung der klinischen Symptomatik und der Therapieoptionen bei zerebraler Mikroangiopathie. Schließlich soll die Bedeutung entzündlicher Erkrankungen am Beispiel der Zahnfleischentzündung für neurodegenerative Erkrankungen dargestellt werden.

11:30
Der Timed up and go-Test bei neurodegenerativen Erkrankungen
S321-01 

U. Kuipers; Bad Oldesloe

Einleitung: Der timed up and go Test [1] (Abk. TUG) zählt zum Standardassessment in der Geriatrie. Gemessen wird die Zeit, die eine Person braucht, um nach einem Startkommando von einem Stuhl aus der Sitzposition aufzustehen, 3 m zu gehen, sich umzudrehen, zurückzukehren und sich wieder hinzusetzen. Vorher wird dem Patienten wird die Durchführung erklärt. Er darf einen Durchgang ausprobieren und/oder sich die Testdurchführung auch zeigen lassen. Der Stuhl hat eine Sitzhöhe von ca. 44-47 cm und hat Lehnen in etwa 68 cm Höhe. Hilfsmittel wie Gehstock und Rollator dürfen verwendet werden. Bewertet werden die Zeiten folgendermaßen: bis 11 sec normal, 11-20 sec grenzwertig und über 20 sec abnorm

Mit steigender TUG-Zeit positiv korrelieren Sturzrisiko, Gangunsicherheit, Verlangsamung des Ganges, Gangvariabilität, Gebrechlichkeit (frailty), Balanceunsicherheit, kognitiven Einbußen und Abhängigkeit in der Selbstversorgung. Im Vortrag soll der Fokus auf die Bedeutung des TUG bei neuro-degenerativen Erkrankungen liegen.

Methoden: In einer Literaturrecherge wurde nach Studien mit den Wörtern "degenerative", "timed up and go", "timed up & go" gesucht.

Aus Klinikdaten (Entlassungsbriefen) wurden die TUG-Zeiten mit anderen Assessments zur Mobilität und kognitiven Einbußen verglichen.  

Ergebnisse: Die TUG-Zeit bildet die Summe aus den 5 Segmenten. Der höchste TUG-Zeit-Anteil ist die Zeit zum Gehen der zweimaligen 3 m-Strecke. Somit ist die Ganggeschwindigkeit besonders relevant. Zu den zentralen Ursachen zählen ZNS-Traumata, -Ischaemien, -Raumforderungen und -degenerative Erkrankungen (wie z.B. Demenzen und Parkinsonsyndrome). Beteiligt sind hier die komplexeren ZNS-Leistungen wie Motivation, Antrieb, Handlungsplanung, Gedächtnis, Konzentration interner Taktgeber und Orientierung.

Beim Aufstehen und Hinsetzen sind vor allem Kraft und Balance besonders gefordert. Sie machen aber zeitlich nur weniger als 20% der Gesamt-TUG-Zeit aus und sind besonders mit Stürzen assoziiert. Eine abnorme TUG-Zeit in Kombination mit anderen Assessments sollte zu einer erweiterten Diagnostik führen.

 

Literatur:

[1] Podsiadlo D und Richardson S 1991: The Timed "Up & Go": a test of basic functional mobility for frail elderly persons. J Am Geriatr Soc 39 142-148

11:45
Differentialdiagnostik und -therapie der Demenzen
S321-02 

C. von Arnim; Ulm

Die Zahl der Menschen mit Demenz (MmD) steigt im Rahmen des demographischen Wandels weiter an. Aktuell wird von 1,6 Millionen Betroffenen in Deutschland ausgegangen. Mit der zunehmenden Prävalenz steigen auch die Krankenhausaufnahmen von an Demenz erkrankten Menschen an. Die Kenntnis der unterschiedlichen Demenzformen, deren Differentialdiagnosen sowie die jeweiligen Diagnostik- und Therapieoptionen sind daher für sämtliche Fachdisziplinen relevant. Menschen mit Demenzerkrankungen oder ihren Vorstufen sind im Rahmen akuter Gesundheitsstörungen besonders gefährdet, Komplikationen zu entwickeln. Darüber hinaus ist der Umgang mit MmD nicht nur für die Behandlung des Demenz-Syndroms an sich, sondern auch für die erfolgreiche Therapie von anderen Erkrankungen des MmD entscheidend. Im Vortrag sollen die Grundzüge der klinischen, neuropsychologischen, laborchemischen und apparativen Diagnostik dargestellt und erläutert werden. Insbesondere Differentialdiagnosen mit akuten Behandlungsindikationen werden hervorgehoben. Die sorgfältige Differentialdiagnostik erlaubt eine maßgeschneiderte Therapie sowohl medikamentös als auch nicht-medikamentös. Im Vortrag werden der aktuelle Stand der derzeitigen medikamentösen Strategien im Rahmen cholinerger und glutamaterger Defizite, aber auch aktuelle Entwicklungen in diesem Bereich dargestellt. Es wird ein Überblick über therapeutische Ansätze basierend auf der Amyloid und Tau-Hypothese und die aktuelle Studienlage hierzu gegeben. Weitere Daten zu nicht-pharmakologischen Ansätzen werden zusammenfassend dargestellt.

12:00
Nicht-motorische Symptome beim Morbus Parkinson
S321-03 

B. Köster; Freiburg

Vor genau 200 Jahren hat James Parkinson das Bild des Morbus Parkinson anhand der auch heute noch krankheitsdefinierenden motorischen Symptome (Akinese, Rigor, Tremor, posturale Instabilität) beschrieben. Erst in den letzten 20 Jahren ist jedoch zunehmend klar geworden, dass keineswegs nur diese, sondern auch nicht-motorische Phänomene in wesentlicher Form zum Gesamtbild der Erkrankung beitragen.

Zum einen können diese schon Jahre vor dem Auftreten motorischer Symptome zutage treten und diagnostisch richtungsweisend sein (zum Beispiel Anosmie oder REM-Schlaf-Verhaltensstörungen). Andererseits treten sie bei der Mehrheit der Parkinson-Erkrankten im Verlauf der Parkinsonerkrankung auf. Sie verursachen dann oft eine Beeinträchtigung, die in ihrer Schwere den motorischen Funktionsminderungen in nichts nachsteht. Sowohl psychiatrische, gastrointestinale, zirkulatorische als auch urogenitale Funktionen können schwerwiegend beeinträchtigt sein.

Pathophysiologisch wird bei den meisten der Einzelstörungen davon ausgegangen, dass es zu einer Ablagerung des Proteins Alpha-Synuklein (Lewy-Körperchen) in peripher- und zentralneuralen Strukturen außerhalb der Substantia nigra kommt. Die hieraus resultierende Neurodegeneration führt dann je nach betroffenem Subsystem zur jeweiligen Störung.

Der Vortrag gibt eine Übersicht über die Erscheinungsformen nicht-motorischer Phänomene beim Morbus Parkinson. Darüber hinaus wird auf das therapeutische Vorgehen bei ausgewählten Störungsbildern eingegangen.

12:15
Degenerative zerebrale Mikroangiopthie (SVD): Veränderung mit klinische Relevanz oder nur ein „UBO” im cMRT?
S321-04 

K. E. Brogmus; Woltersdorf

Mikroangiopathische Veränderungen (SVD) im CCT oder cMRT stellen einen häufigen Befund in der bildgebenden Untersuchung Älterer dar. Um die Relevanz eines MRT oder CCT Befundes zur Klinik herzustellen, ist es wichtig, die unterschiedlichen Formen der SVD zu kennen und mit typische Krankheitsbilder oder Komplikationen der SVD vertraut zu sein. Einerseits gibt es die degenerativen Kleingefäßveränderungen, die durch Hypertonie begünstigt werden und zu einer Gefäßhyalinose mit langstreckigen Verengungen der Arteriolen führen. Je nach Gefäßgebiet kann es dann zu lakunären Infarkten im Bereich der Stammganglien und Kapsula interna kommen z. T. mit den typischen „Miller-Fisher`s lacunar syndroms“; oder es treten flächigen Veränderungen der weißen Substanz (WML) mit kognitiven Einbußen, Gangstörung und Dranginkontinenz auf. Allerdings korrelieren die Veränderungen im cMRT oft nur lose mit der Schwere der Klinik; und WML treten auch auf bei anderen Pathologien, so dass sie sich die SVD als Krankheitseinheit sich häufig nur schwer abgrenzen lässt von einer Alzheimerdemenz oder einem idiopathischen Parkinsonsyndrom. Hinsichtlich der Demenzformen findet man bei einer SVD oft ein Mischbild aus kortikaler und subkortikaler Demenz. Die Gangstörungen sollte nicht ätiologisch als „vaskulärer Parkinson“ bezeichnet werden sondern mehr nach ihren klinischen Besonderheiten wie „lower body parkinsonism“ oder „magnetical gait“

Eine weitere Form der SVD ist Amyloidangiopathie, die sich durch zerebrale Mikroblutungen oder eine lokale superfizielle Siderose des Subarachnoidalraum in dem T2* gewichteten MRT zeigt und durch beta(1-42)Amyloidablagerungen in der Gefäßwand ausgelöst wird. Neben kognitiven Einschränkungen kommt es bei der Amyloidangiopathie zu einem vermehrten Auftreten intrazerebraler Blutungen in atypischer Lokalisation. Zurzeit liegen leider noch keine verbindlichen Daten und Richtlinien vor, ob hier bei ansonsten vorhandener Indikation eine orale Antikoagulation oder eine systemische Lyse kontraindiziert ist, bzw. ab welcher Befundausprägung darauf verzichtet werden sollte.

12:30
Zahnfleischentzündung und neurodegenerative Erkrankungen
S321-05 

W. Maetzler; Kiel

Im Verlauf der letzten Jahre mehren sich die Hinweise, dass Parodontitis mit einem erhöhten Risiko für neurodegenerative Erkrankungen und insbesondere einem erhöhten Risiko des Verlusts kognitiver Fähigkeiten einhergeht. So zeigen Studien, dass an Mb. Alzheimer erkrankte Patienten höhere Konzentrationen von Parodontitis-assoziierten Antikörpern in ihrem Blut aufweisen als Kontrollen, und dass 50-Jährige mit Parodontitis im 20-jährigen Verlauf bei neuropsychologischen Tests einen schlechteren Verlauf zeigen als Personen ohne Parodontitis. Der biologisch plausibelste Zusammenhang zwischen Parodontitis und Neurodegeneration besteht durch die Parodontitis-bedingte Bakteriämie. Der Vortrag wird die derzeit bestehende Evidenz für den erwähnten Zusammenhang, wie auch potentielle Konsequenzen aus diesem Zusammenhang darstellen und zur Diskussion stellen.

12:45
Ergebnisse der Evaluation von Station Silvia, einer Special Care Unit für Akutpatienten mit Demenz
S321-06 

J. G. Hoffmann, K. Weil; Köln, Flensburg

Die Versorgung von Akutpatienten mit der Nebendiagnose Demenz stellt für alle Beteiligten in Diagnostik und Therapie eine große Herausforderung dar.

Geriatrische Patienten verschlechtern sich während des Aufenthaltes nicht nur häufig in ihrer Kognition, sondern sind auch hoch gefährdet, ein Delir oder andere Komplikationen zu entwickeln. Außerdem ist die Mortalität erhöht.

Station Silvia im Malteser Krankenhaus St. Hildegardis in Köln ist eine Special Care Unit für Patienten mit der Nebendiagnose Demenz mit 8 Behandlungsplätzen. Alle Mitarbeiter besitzen eine Basiskompetenz im Umgang mit Patienten mit Demenz.

Untersucht wird in dem 3-jährigen Evaluationsprogramm eine Kohorte von insgesamt 235 geriatrischen Akutpatienten.

In den Bereichen Mobilität und Alltagsfähigkeit werden Pre-/ Post-Messungen durchgeführt. Die Beurteilung der ADLs geschieht mit dem Barthel-Index. Zur Messung der Mobilität werden TUG und DEMMI eingesetzt. Die Kognition wird u.a. mit dem MMSE und dem Clock-Test eingeschätzt, die Emotionalität u.a. mit dem GDS. BPSD werden systematisch erhoben. Außerdem werden sogenannte Negativereignisse wie Stürze und Fixierungen protokolliert.

Alltagsfähigkeit und Mobilität der Patienten auf Station Silvia verbessern sich während des stationären Aufenthaltes dort. Der Barthel-Index liegt zum Zeitpunkt der Aufnahme im Durchschnitt bei 44,7 Punkten und steigt im Verlauf auf 53,8 Punkte bei Entlassung an (p=0,000). Auch der Wert des DEMMI-Tests erhöht sich im Laufe der Behandlung von 47,9 auf 52,7 (p=0,000). Agitiertes Verhalten wurde auf Station Silvia (51,7%) seltener als in der Literatur beobachtet (57% bzw. 62,5%). Zu körpernahen Fixierungen ist es im gesamten Zeitraum nicht gekommen.

Die bisherigen Ergebnisse lassen vermuten, dass die Versorgung und die Umgebung auf der Station Silvia einen günstigen Einfluss auf das Outcome der Patienten haben. Eine weitere Station Silvia mit 10 Behandlungsplätzen wurde im Malteser Krankenhaus St. Franziskus-Hospital in Flensburg in Betrieb genommen.

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