Samstag, 30.09.2017

11:30 - 13:00

Hörsaal 11

S324

Mobile geriatrische Rehabilitation - Neue Erkenntnisse und Entwicklungen

Moderation: R. Siegert, Bremen; F. Naumann, Woltersdorf

Das inzwischen jährlich stattfindende Symposium der AG Mobile geriatrische Rehabilitation in der DGG fokussiert in 2017 auf neue Erkenntnisse und Entwicklungen im Bereich der mobilen Rehabilitation und in der Versorgung pflegebedürftiger Menschen. Neue Erkenntnisse resultieren aus dem BMG geförderten Forschungsprojekt „Mobile geriatrische Rehabilitation in stationären Pflegeeinrichtungen und der Kurzzeitpflege”. Hier werden Tendenzen bzw. erste Zwischenergebnisse vorgestellt.

In Ihrem Vortrag zur „Analyse des Rehabilitationsbedarfes in stationären Pflegeeinrichtungen” berichtet Frau Köhler (Bremen) zur Feststellung von Rehabilitationsindikationen sämtlicher Indikationsbereiche. Janßen (Bremen) stellt erste Ergebnisse der „Verlaufsanalyse mobiler geriatrischer Rehabilitation in stationären Pflegeeinrichtungen” vor. Beide schließen neben den Bewohnern der Langzeitpflege auch Gäste der Kurzzeitpflege mit ein. Mobile Rehabilitation in der Pflegeeinrichtung erfordert bestmögliche Kommunikation und Kooperation der beteiligten Professionen und Institutionen. Behrens (Berlin) erkennt „Hindernisse und Förderfaktoren mobiler geriatrischer Rehabilitation in stationären Pflegeeinrichtungen”. Er zieht „Schlussfolgerungen aus klinisch-epidemiologischen Erhebungen und Organisationsverlaufstudien”.

Neue Entwicklungen ergeben sich aus dem ebenfalls öffentlich geförderten Forschungsprojekt „MORECARE - Gemeinsam Pflegen in der Mobilen Rehabilitation”. Unter Beteiligung eines geriatrisch und technologisch orientierten Konsortiums ist die Entwicklung neuer Technologien im Kontext der mobilen Rehabilitation vorgesehen. Dies berichtet Frau Steinert (Berlin) in „MORECARE - Technische Unterstützung für die mobile Reha”.

11:30
Analyse des Rehabilitationsbedarfes in stationären Pflegeeinrichtungen
S324-01 

L. Köhler, H. J. Janßen; Bremen

Fragestellung: Ein potentieller Rehabilitationsbedarfs unter Bewohnerinnen und Bewohnern stationärer Pflegeeinrichtungen wurde gefördert durch das BMG eruiert.

Methodik: In der multizentrischen Studie wurden über den Zeitraum eines Jahres Bewohner/-innen einer Gelegenheitsstichprobe von Einrichtungen stationärer Pflege begutachtet. Mittels eines standarisierten Erhebungsinstrumentariums wurde die Datenbasis aus einer Befragung der Bewohner/-innen, Pflegedokumentation und Auskünften der Pflegekräfte geschaffen. Indikationsstellung und Allokation erfolgte gemäß der MDS-Begutachtungrichtlinie und der Rahmenempfehlungen MoGeRe durch in geriatrischer Rehabilitation erfahrene Ärzt/-innen. Für Nichtteilnehmende wurden Einschätzungen durch die Pflege abgefragt. Sensitivitätsanalysen wurden durchgeführt.

Ergebnisse: 760 Bewohnerinnen und Bewohner aus 15 Pflegeeinrichtungen wurden begutachtet. 622 Teilnehmende lebten zu dem Zeitpunkt in Langzeitpflege, 138 in Kurzzeitpflege. Die Realisierungsquote lag bei durchschnittlich 73 %. Das mediane Alter der Untersuchten betrug 86 Jahre, 75 % der Teilnehmenden waren weiblich.
In der Langzeitpflege wurde im Mittel für rund 23 % (95% CI 19-26%) ein multimodaler rehabiliativer Bedarf festgestellt. Davon wäre in 81 % das vertraute Umfeld für einen Rehaerfolg angezeigt, die spezifischen Kriterien für eine mobile Rehabilitation waren erfüllt. Überwiegend (62 %) lagen demenziell bedingte Einschränkungen vor. Ein großes Problem stellten Mitarbeitsfähigkeit und Motivierbarkeit in der Beurteilung dar. Gäste der Kurzzeitpflege waren im Schnitt etwas jünger und mit geringerem Pflegebedarf, eine Rehaindikation konnte etwas häufiger (32 %, 95% CI 28 – 44 %) gestellt werden. Hierbei wären im Mittel 40 % mit den klassischen Rehabilitationsformen nicht optimal versorgt.

Diskussion: Unbenommen der Limitationen der Studie sind die festgestellten Bedarfsquoten nicht mit dem zu erwartenden Aufkommen für Leistungen der geriatrischen Rehabilitation gleichzusetzen. Es bedarf eines engagierten Umfeldes, um eine entsprechende Empfehlung zu verfolgen, auch angesichts einer begrenzten Lebenszeit der indizierten Personen.

11:50
Eine Verlaufsanalyse mobiler geriatrischer Rehabilitation in stationären Pflegeeinrichtungen
S324-02 

H. J. Janßen, L. Köhler; Bremen

Methodik: Die mobile geriatrische Rehabilitation ist relativ neu und ihr Verlauf wenig erforscht. Im Rahmen eines vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Projektes wird eine Analyse über den Verlauf im Halbjahreszeitraum vorgenommen. Die Untersuchung ist als multizentrische Studie über fünf Standorte angelegt. Zu vier Messzeitpunkten werden Daten über einen Fragebogen gewonnen. Erhoben werden mit Alter, Geschlecht, Pflege- und Versichertenstatus soziodemographische Merkmale sowie Diagnosegruppen und der kognitive Status. Die Messvariablen sind: Barthel Index, Transferleistung, Bewegungsradius, Teilhabeziele (mit Zielerreichung) und Lebensqualität (mit Zufriedenheit). Die Studie weist ein Kontrollgruppendesign aus. Geplant werden 100 Rehabilitanden 40 Personen ohne Rehabilitation aber mit Bedarf (Kontrollgruppe) gegenübergestellt. Neben den Outcomes der Intervention über den sechsmonatigen Zeitraum werden Daten zu Struktur und Prozess der Intervention erhoben: Art, Umfang, Dauer und Kosten der Rehabilitationsmassnahme.

Ergebnisse: Die Maßnahme mobiler Rehabilitation verbessert den Grad der Selbstversorgung. Es kann von einer generellen Wirksamkeit ausgegangen werden (vgl. u.a. Lübke 2016). Der Barthel-Index weist in den bisherigen Studien mit Ende der Maßnahme eine Verbesserung von über zehn Punkten aus. Ein Standort aus der multizentrischen Studie weist eine Verbesserung über den Selbständigkeitsindex FIM mit über zehn Punkten aus, zudem verbessert sich der kognitive Status leicht (vgl. MDK Rheinland-Pfalz 2016). Ein weiterer Standort zeigt als erste Teilauswertung eine Verbesserung des Barthel-Index in der Interventionsgruppe von knapp 14 Punkten, wo hingegen die Vergleichsgruppe sich um 4 Punkte verändert (Halbjahreszeitraum). Hier sind Aspekte einer nachhaltigen Versorgungsleistung möglich.

Diskussion: Die hier vorgelegte Studie lässt weitergehende Erkenntnisse mit der Vergleichsanalyse zu. Neben dem Grad zur Verbesserung der Selbstversorgung, wird der Grad der Zielerreichung als weiteres zentrales Reha-Ziel hier ausgewiesen. Ebenso können Analysen zur Lebensqualität im Vergleich vorgenommen werden. Die Darlegung der Behandlungsintensität gibt Auskunft über den tatsächlichen Verlauf. Die Fragestellung einer Kosteneffektivität kann eruiert werden.

12:10
Hindernisse und Förderfaktoren mobiler geriatrischer Rehabilitation in stationären Pflegeeinrichtungen
S324-03 

J. Behrens, C. von Carnap, K. Grune, J. W. Kraft, L. Köhler, C. Friedrich, N. Martin, F. Naumann, M. Pflug, G. Ralle-Sander, C. von Rothkirch, M. Schmidt-Ohlemann, R. Siegert, S. Thiel, M. Warnach, M. Weiglein, M. Wolf; Frankfurt a. M., Woltersdorf, Coburg, Bremen, Bad Kreuznach, Berlin

Rehabilitation und Pflege sind bekanntlich die finanziell bedeutendsten sekundär-präventiven Maßnahmen im deutschen Versorgungssystem. Beide haben, da das Sozialgesetzbuch IX auch für sie gilt, das gesetzliche Ziel, Selbstbestimmung und Teilhabe zu stärken (§§ 1 f. SGB IX, siehe auch ICF der WHO und die UN-Behindertenrechtskonvention). Der Kurzvortrag erörtert – unter Nutzung prozessproduzierter Versichertendaten und unserer laufenden eigenen klinisch epidemiologischen Pilotstudie in fünf Bundesländern - vier Fragen: Frage 1: Was ist das gesetzliche Rehaziel vor und in der Pflege und wie lässt sich seine Erfüllung feststellen? Das SGB IX benennt in den §§ 1 ff. das Ziel als „Selbstbestimmung“ und „Teilhabe“, also als selbst-, nicht fremdbestimmte Teilhabe. Selbständigkeit verhält sich zu selbstbestimmter Teilhabe wie ein Mittel zum Ziel. Wenn Selbständigkeit im Alter oft nicht mehr zu erreichen ist, ist doch selbstbestimmte Teilhabe (participation im Sinne der ICF) erreichbar. Die Zielerreichung kann dann nicht hinreichend mit Assessments gemessen werden, die die Selbständigkeit bei der Verrichtung von Aktivitäten oder Teilhabehindernisse erfassen. Vielmehr ist die Formulierung eines so konkreten Teilhabeziels nötig und möglich, dass an ihm der Reha-Erfolg im Sinne der §§ 1 ff. SGB IX feststellbar wird. Frage 2: Was ist über die externe Evidence der Wirksamkeit deutscher Spielarten medizinischer Rehabilitation vor und in der Pflege bekannt und lässt sich externe Evidence überhaupt auf den Einzelfall übertragen? Während die Wirksamkeit einzelner rehabilitativer Maßnahmen in Meta-Analysen (Cochrane-Reviews) sichtbar wurde, so gibt es kaum Studien, die die Wirksamkeit spezifisch deutscher komplexer Reha-Formen im Vergleich zu keiner medizinischen Reha prüfen. Deren Fehlen kann auch nicht durch vorhandene multivariate Analysen von Versichertendaten kompensiert werden. Abgesehen davon ist der Anspruch auf eine „1 zu 1 Übertragbarkeit“ von externer Evidence auf den Einzelfall, ohne interne Evidence aufbauen zu müssen, als methodisch zu utopisch aufzugeben. Frage 3: Was ist über die Unter-, Über- und Fehlversorgung mit Medizinischer Rehabilitation vor und in der Pflege bekannt? Bei gleichen ICD-Diagnosen, Alter und anderen Variablen nehmen vor Eintritt in eine Pflegestufe doppelt so viele Personen an einer medizinischen Rehabilitation teil, danach nur noch halb so viele. Lässt sich aus diesen Versichertendaten auf eine bedarfsgereche Versorgung schließen? Eher nicht, denn dazu wären (klinisch) epidemiolgische Reihenuntersuchungen nötig, wie wir sie in einer Pilotstudie in fünf Bundesländern gegenwärtig durchführen. Frage 4: Was ist über die Kooperation Medizinischer Rehabilitation und teilhabeorientierter Pflege bekannt, wenn beide in denselben stationären Pflegeeinrichtungen stattfinden (Mobile Geriatrische Rehabilitation)? Wie die eigene Verlaufsstudie von Organisationen zeigt, gibt es hier konkretes Verbesserungspotential. Der wichtigste Förderfaktor für den Erfolg Mobiler Geriatrischer Rehabilitation liegt in der gelungenen Kooperation mit der Fachpflege.

12:30
MORECARE - Technische Unterstützung für die Mobile Reha
S324-04 

A. Steinert, J. Kiselev, U. Müller-Werdan; Berlin

Hintergrund: Mobile Rehabilitation ist eine Form der ambulanten Rehabilitation, innerhalb derer schwerbetroffene Patienten in ihrer häuslichen Umgebung von einem interdisziplinär zusammengesetzten Team versorgt werden.

Zielstellung: Ziel des Projektes MORECARE ist es, die Mobile Reha hinsichtlich Organisation (Zuweisung von Therapeuten und Patienten, Fahrzeugzuteilung, Terminänderungen, etc.), Kommunikation, Dokumentation und Versorgung der Patienten durch technische Unterstützungssysteme zu optimieren. Innerhalb einer multidimensionalen Studie mit Patienten, Angehörigen, Therapeuten, Ärzten und Koordinatoren nach der Hälfte der Projektlaufzeit wurde ein erster Demonstrator evaluiert.

Methodik: Für die Studie wurden verschiedene Methoden aus der Usability- und Akzeptanzforschung sowie aus der qualitativen Forschung angewendet und in drei Komponenten-Testungen untergliedert: (1) Köpernahe Sensorik für Patienten, (2) Sensorik im häuslichen Umfeld und (3) Multimodale Tablet-Oberflächen für Patienten/ Angehörige, behandelnde Berufsgruppen und Koordinatoren. Zur Testung der drei Komponenten wurden Workshops, Taskbasierte Testungen mit standardisierter Messung von Dauer und Fehlern, sowie Interviews und Beobachtungen durchgeführt.

Ergebnisse: Insgesamt erzielte das MORECARE-System insbesondere bei den behandelnden Berufsgruppen bereits eine hohe Akzeptanz. Während es bei der körpernahen Sensorik, die während der Therapieeinheiten zur Vitaldatenmessung beim Patienten angelegt wurde, nur wenige Veränderungswünsche gab, müssen auf dem Tablet zur optimalen Arbeitsunterstützung weitere Funktionen integriert werden. Bei den Patienten und Angehörigen ist die Akzeptanz der technischen Unterstützungssysteme stark von der generellen Technikbereitschaft und -erfahrung abhängig.

Ausblick: Aus den Ergebnissen der Testung wurden Handlungsempfehlungen formuliert. Diese werden an die technischen Partner zurückgespiegelt und im weiteren Projektverlauf berücksichtigt. In einem umfangreichen Feldtest zum Ende des Projektes wird das MORECARE System evaluiert.

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