Samstag, 30.09.2017

11:30 - 13:00

Hörsaal 8

S322

Freie Beiträge - Versorgung

Moderation: C. Bobrowski, Schwerin; W. Vogel, Hofgeismar

11:30
Magnetkräfte in der Pflege: Möglichkeiten eines Transfers des ANCC-Ansatzes in die stationäre Altenpflege
S322-01 

A. S. Esslinger, B. Heyden, F. Salinger; Fulda, Aalen

In den 80er Jahren entstand das Konzept "Magnet-Krankenhaus" des American Nurses Credentialing Center (ANCC) in den USA für die Pflege in Krankenhäusern. Grundgedanke des Magnet-Programms ist, durch Exzellenz in der Pflege das Gesundheitswesen zu reformieren. Hierbei wird auf die fünf Dimensionen "Transformative Führung", "Strukturelle Befähigung", "Exemplarische professionelle Praxis", "Neues Wissen, Innovationen und Verbesserungen" sowie "Empirisches Outcome" fokussiert. Dem Magnet-Ansatz ist implizit zu eigen, dass gute Pflege zu guten Patientenoutcomes führt. Es wird auf Grundlage pflegespezifischer Informationen und Indikatoren eine Aussage über die Gesamtqualität der Versorgung einer Einrichtung getroffen. Hauptziel des Konzeptes ist, ein bestmögliches Arbeitsumfeld für Mitarbeiter/innen zu schaffen und damit beste Patientenergebnisse zu erreichen. Die Magnetanerkennung für pflegerische Exzellenz (ANCC-Zertifizierung) hat dann einen positiven Einfluss auf die Reputation des Hauses und führt so zu einem Zulauf an Patienten bzw. Bewohnern und Top-Personal in der Pflege sowie auch in der Führung. Diese Fokussierung auf die Pflege erscheint einerseits vielleicht provokativ andererseits als sachlogische Konsequenz der täglichen Versorgungspraxis in Krankenhäusern.

Im Mittelpunkt des Beitrags stehen konzeptionelle Überlegungen inwieweit es gelingen kann, die Prinzipien des ANCC als Magnetkräfte in Deutschland anzuwenden und noch konkreter auf die stationäre Langzeitpflege zu übertragen. Dies nicht zuletzt, weil der Pflegefokus im Modell immanent ist.

Zunächst wird das Konzept vorgestellt. Es werden dann kurz die Ergebnisse einer systematischen Literaturanalyse zur Übertragbarkeit der Idee des Magnet-Krankenhauses nach Deutschland und in die Langzeitpflege präsentiert. Der mögliche Nutzen von Magnetkräften vor den Rahmenbedingungen der Pflege in Deutschland wird ebenso diskutiert wie die Erfordernisse an Einrichtungen, die sich zum Ziel setzen, das Modell als Orientierungspunkt ihrem täglichen Handeln zugrunde zu legen. Hierbei wird von den tatsächlichen Erfahrungen einer Einrichtung mit knapp 200 Bewohnern berichtet, die das Modell in ihr bestehendes Managementsystem integriert.

11:45
Schätzung zur Zahl potentiell geriatrischer Patienten mittels Routinedaten. Erste Ergebnisse aus Baden-Württemberg
S322-02 

I. Köster, H. J. Heppner, N. Lübke, M. Meinck, P. Oster, W. Vogel, W. Niebling, I. Schubert; Köln, Schwelm, Hamburg, Heidelberg, Hofgeismar, Freiburg

Hintergrund: Ziel des vom Sozialministerium Baden-Württembergs initiierten Forschungsvorhabens ist die Generierung von Daten und Erkenntnissen über die Realisierung rehabilitativer Potenziale geriatrischer Patienten. In einem ersten Schritt sollte ein Verfahren entwickelt werden, um mit Daten der gesetzlichen Krankenkasse regionale Schätzungen zur Häufigkeit potentiell geriatrischer Patienten durchführen zu können. Weitere Analysen werden Versorgungsverläufe und -ergebnisse auch regional betrachten.

Material und Methode: Pseudonymisierte Versichertendaten der AOK Baden-Württemberg für die Jahre 2011-2013 (Stammdaten, ambulante Diagnosen/Leistungen, Verordnungen, stationäre Diagnosen und Leistungen, Heil-/Hilfsmittel, Pflegeleistungen). Datenbasis bilden alle Versicherten der AOK Baden-Württemberg, die zum 01.01.2012 60 Jahre und älter waren und in Baden-Württemberg wohnten. Die Definition geriatrischer Patienten erfolgte auf zwei Wegen: a) Geriatriecheck Teil A + B (www.bwkg.de) und b) Kriterien geriatrietypischer Multimorbidität (DOI. 10.1007/s00391-012-0462-8). Hierzu wurden Informationen verschiedener Versorgungssektoren herangezogen.

Ergebnisse: Hochgerechnet auf Baden-Württemberg waren gemäß a) allein auf Basis von Diagnosen im Jahr 2012 762.000 Personen (29%) als potentiell geriatrisch einzustufen und 800.000 Personen (30%) bei Hinzuziehung weiterer Informationen. Nach b) betrugen die Vergleichszahlen 757.000 Personen (29%) respektive 886.000 Personen (33%). Den niedrigsten Anteil potentiell geriatrischer Patienten weist unabhängig von a) und b) der Landkreis Böblingen (24,8%/24,2%) auf. Die höchsten Anteile wurden in Abhängigkeit von a) und b) in zwei unterschiedlichen Landkreisen (a) Mannheim 34,8%, b) Main-Tauber-Kreis: 34,3%) beobachtet (nicht alters- und geschlechtsadjustiert).

Diskussion: Mittels Routinedaten kann die Anzahl potentiell geriatrischer Patienten geschätzt werden. Die Kriterien der Operationalisierung beeinflussen das Ergebnis und sind darzulegen. Um die weitere Versorgung geriatrischer Patienten nach einem Indexereignis beschreiben zu können, sollten zur Operationalisierung jedoch keine Inanspruchnahmeparameter verwendet werden.

12:00
Bringing Care Home: Initial Outcomes from an Inter-Organizational and Cross-Sectoral Geriatrics Community Outreach Team
S322-03 

A. Steiman, A. Kulinek, A. Siciliano, S. Haq, S. Sinha; Toronto/CDN

Purpose: To evaluate the impact of a collaborative inter-organizational and cross-sectoral interprofessonal outreach team intended to better serve community-dwelling frail older adults at risk of losing their independence with a range of geriatric services.

Relevance: Lack of availability and access to preventative and restorative care services, often mean older clients end up unnecessarily in hospitals. The existing gap in outreach services to foster independence at home, shows the need for more inter-professional care options to optimize the continued independence of older persons.

Methods and Analysis: In 2015, through a unique partnership of health sector organizations, a core team was assembled to include a nurse, social worker, pharmacist, geriatrician and care coordinator. Clients self-refer or are referred by others. Through both telephone contact and home visits, client-centered comprehensive care plans and ongoing-follow-up, supported by weekly team rounds, are provided collaboratively with clients, caregivers and their primary care teams. Current team performance is being monitored through a variety of process and outcome measures, as well as satisfaction surveys all analyzed using descriptive statistics.

Study Sample or Initiative Scope: The program operates across 25 postal codes in Toronto and has received 320 referrals in its first 12 months of operation from a variety of sources.

Findings: 260 clients met the program’s inclusion criteria; Top referral sources: hospital/ED (59%), specialist (21%), primary care (17%), and community care provider (3%); Length of stay averages 10.5 weeks; Over 420 linkages to local community-based services were made; 6 direct admissions to inpatient rehab from the community; Clients, caregivers and providers report being greatly satisfied by the quality of care and support the team provides as per anonymous satisafaction survey responses.

Discussion: This model knits together a variety of sector partners and enables more timely access to clinicians and supports to create more durable linkages for at risk clients. Embedding the team in a large rehab centre, with a variety of rehab options, significantly improved access. Client, caregiver and provider needs can be supported through a supportive community oriented team.

Conclusion: A growing population of community-dwelling frail older adults demands new models of care that promote independent living. Collaborative inter-organizational and cross-sectoral inter-professional models are possible to develop and can yield effective ways of accessing and linking clients to the care and support they need.

12:15
Hausärztliche Versorgung in der stationären Altenhilfe
S322-04 

A. S. Esslinger, B. Heyden; Fulda, Aalen

Aufgrund der komplexer werdenden Gesundheitsprofile von Bewohnern in Altenhilfeeinrichtungen, nimmt der Stellenwert der hausärztlichen Versorgung dort stetig zu. Tatsächlich aber ist diese Versorgung generell in Deutschland an einer mobilen und selbständigen Bevölkerung orientiert, sie ist relativ gering budgetiert und oftmals an den Versorgungsschnittstellen herausfordernd. Ein wichtiger Indikator für die suboptimale Versorgung ist im Speziellen in (eventuell) vermeidbaren Krankenhauseinweisungen für die Betroffenen zu sehen. Es stellt sich die Frage, wie eine optimale Hausarztversorgung im Pflegeheim gelingen kann, die effizient und effektiv in erster Linie auf die Bedürfnisse der Bewohner ausgerichtet ist.

In einer Einrichtung der Altenhilfe mit knapp 200 Bewohnern wurde auf Grundlage des §159b SGB V eine kooperative und stärker in die Organisation integrierte medizinische Versorgung vereinbart. Nach einer umfassenden Konzeptions- und Vorlaufzeit trat der Vertrag zu Jahresbeginn 2017 in Kraft.

Im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung wird sowohl anhand qualitativer Expertenrunden sowie anhand quantitativer Datenerhebung erfasst, inwieweit diese veränderte Art der medizinischen Versorgung in der Langzeitpflege die Lebens- und Versorgungsqualität der Bewohner positiv beeinflusst und die Organisation als Ganzes stärkt. Es wird des Weiteren hinterfragt, ob Anpassungen in der Konzeption nötig werden und wie diese optimierte Art der Versorgung auf andere Einrichtung übertragbar sein kann.

Im Vortrag wird nach der einführenden Darstellung der prozessualen und inhaltlichen Konzeptentwicklung auf erste Ergebnisse fokussiert. Es werden zudem Erfolgsbausteine und Hindernisse benannt, die auf dem Weg in eine verbesserte Gesundheitsversorgung Älterer in Pflegeheim auftreten. 

12:30
Wirksamkeit präventiver Hausbesuche bei älteren Menschen - Ergebnisse einer aktualisierten systematischen Bewertung
S322-05 

J.-C. Renz, M. Meinck; Hamburg

Hintergrund: Präventive Hausbesuche (PHB) erfassen anlassunabhängig gesundheitliche Ressourcen und Risiken in der häuslichen Umgebung, um präventive Empfehlungen abzuleiten. In Deutschland sind sie keine Regelleistung. Unter deutschen Versorgungsgegebenheiten war bisher keine Wirksamkeit belegt (Meinck et al. 2004). Dennoch werden PHB zunehmend als Leistung der kommunalen Daseinsfürsorge angeboten (Renz, Meinck 2016). Der Beitrag berichtet die Ergebnisse einer erneuten systematischen Bewertung.

Methode: Durch systematische Literaturrecherche in den einschlägigen Datenbanken wurden die seit 2004 veröffentlichten Studien identifiziert. Eingeschlossen wurden RCTs und systematische Übersichtsarbeiten. Weitere Einschlusskriterien waren anlassunabhängige Hausbesuchsprogramme mit mindestens einem Folgebesuch, Lebensalter von mindestens 60 Jahren sowie Untersuchung mindestens einer der Endpunkte Mortalität, Krankenhaus-, Pflegeheimaufnahme, funktioneller Status, Sturz und Lebensqualität. Ausgeschlossen wurden Studien mit a priori geplanter Intervention oder Festlegung auf bestimmte Diagnosegruppen.

Ergebnisse: 12 Originalstudien und vier Übersichtsarbeiten, hiervon zwei Meta-Analysen erfüllten die Einschlusskritieren. Erstmals fand sich eine Studie im deutschen Versorgungskontext. Die Originalstudien zeigten insgesamt eine gute methodische Qualität bei hoher klinischer Heterogenität und z.T. vorhandenen Verzerrungspotentialen. Sechs der Originalstudien wiesen keinen signifikant positiven Effekt auf einen der sechs ausgewerteten Endpunkte auf. In den übrigen Originalstudien fanden sich lediglich für einzelne Endpunkte positive Effekte. Die Übersichtsarbeiten zeigten konträre Ergebnisse, wobei beide Meta-Analysen aufgrund fehlender PHB-spezifischer Auswertungen nicht zur Ergebnisbewertung herangezogen werden konnten.

Schlussfolgerungen: Auch in der aktuellen Literatur zeigte sich kein eindeutiger Wirksamkeitsnachweis. Zudem ließen sich keine Struktur- und Prozessmerkmale mit Wirksamkeit auf mehrere Endpunkte ableiten. PHB bedürfen weiterhin eines belastbaren Wirksamkeitsnachweises unter Beachtung der jeweils verfolgten Zielstellung. Eine regelhafte Einführung erscheint weiterhin nicht hinreichend legitimiert.

12:45
Unterfinanzierung der geriatrischen Komplexbehandlung mittlerer Dauer unter 20 TE
S322-06 

C. Bobrowski; Schwerin

Einleitung: Die geriatrische Komplexbehandlung (GKB) wird über die Endstelle des OPS-Codes 8-550 kodiert. Ein Sprung der Vergütung resultiert bei Erreichung der 8-550.1. Wird 8-550.0 geleistet, resultiert nicht die "geriatrische" DRG (ge-DRG), sondern eine DRG, die ohne GKB erreicht wird (ng-DRG). Wir untersuchen an 7 typischen Situationen die Kostenstruktur von "kurzen" und "mittellangen" GKB jeweils ohne 8-550.1 und diskutieren Fehlanreize.

Methoden: Für die Hauptdiagnosen Schenkelhalsfraktur (operativ), Beckenringfraktur (konservativ), Humerusfraktur (operativ), Herzinsuffizienz, Pneumonie, Mediainsult und akutes Nierenversagen wurden die ng-DRG und ge-DRG ermittelt. Kostenstrukturen stammen aus dem InEK-Browser. Die mittlere Verweildauer (mVD) für den Fall ohne GKB wurde auf 90% der mittleren InEK-Verweildauer gesetzt; mit GKB auf 80%.

Szenarien:

(i) „Regress“: Kürzung der Verweildauer (VWD) bzw. TE auf Schwelle unterhalb 8-550.1

(ii) Kurz": VWD wie bei ursprünglicher ng-DRG ohne GKB, aber mit multimodaler Therapie

(iii) "Mittel": VWD ist Mittel von VWD bei (ii) und mVD der ge-DRG. 

Die Inanspruchnahme ärztlicher/therapeutischer Leistungen wurde proportional zur VWD gesetzt, bei PPR-Minuten Annahme einer Sättigungskinetik. Es wurden Teilkosten (TK)- und Vollkosten (VK)-Berechnungen durchgeführt. Bei TK wurden die Einträge der Kostenmatrix der ng-DRG in der Kostenstellengruppe 11 bei den Kostenarten 1, 2, 3, 4a, 7 und 8 durch die entsprechenden, nach VWD gewichteten Einträge der ge-DRG ersetzt. Bei VK wurden zusätzlich die Einträge der Kostenstellengruppe 1 bei Kostenarten 1, 2, 3, 4a, 6a, 7 und 8 ersetzt.

Ergebnisse: Für operative Situationen waren die Regress-Kürzungen 37,9% bzw. 57,2%, für nichtoperative 54,3% bis 64,6%. Der relative Zusatzerlös zwischen ge-DRG und entsprechender ng-DRG lag zwischen 60,3% und 182,6% mit einem Median (Md) von 132,6%. Die nach dem TK-Modell abgeschätzten Zusatzkosten lagen bei „Kurz-GKB“ um 0% bis 6,5% höher (Md 4,7%). Entsprechend für das VK-Modell 2,0% bis 12,4% (Md 8,9%). Für Mittel-GKB sind die TK-basierten Zusatzkosten 6,9% bis 19,8% (Md 14,7%). VK-basiert 28,9% bis 81,8% (Md 57,6%).

Diskussion: Der sprunghafte Erlösanstieg bei Erreichung der 8-550.1 ist ein Anreiz für den MDK, Kürzungen der VWD und der TE einzufordern. Eine ng-DRG mit "mittlerem" GKB-Umfang ist schon nach TK gerechnet defizitär. Die wahren Kosten liegen zwischen den TK- und VK-Modellprognosen. In der InEK-Kalkulationsmethodik werden MDK-Kürzungen nicht berücksichtigt. Für die Bewertung "mittlerer" GKB wäre das aber essentiell.

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