Samstag, 30.09.2017

11:30 - 13:00

Hörsaal 9

S323

Freie Beiträge - Mobilität und Technologie

Moderation: H. Frohnhofen, Essen; C. Becker, Stuttgart

11:30
Die Tag-zu-Tag-Variabilität der körperlichen Aktivität bei hochbetagten Menschen mit Demenz
S323-01 

B. Abel, C. Werner, R. Pomiersky, K. Hauer; Heidelberg

Hintergrund: Körperliche Aktivität (KA) wird in sensorbasierten Assessments durch multiple Einzelparameter und zusammengesetzte Parameter dokumentiert. Wie hoch die Tag-zu-Tag-Variabilität dieser technisch definierten Parameter ist und wie viele Messtage notwendig sind, um habituelle Aktivität zu erfassen, wurde bei multimorbiden, gebrechlichen, hochbetagten Menschen mit Demenz bislang nicht untersucht.

Methodik: Die KA wurde mittels accelerometerbasierten Aktivitätssensoren (PAMSysTM) bei hochbetagten Menschen mit Demenz (N=57) dokumentiert. Erfasst wurden Einzelparameter (Geh-, Steh-, Sitz- und Liegedauer, Schrittzahl, Anzahl Transfers Aufstehen/Hinsetzen) und die zusammengesetzten Parameter aktives (Geh-/ Stehdauer) und passives (Sitz-/Liegedauer) Bewegungsverhalten. Zusätzlich wurden Subgruppenanalysen nach Alter, Aktivitätsverhalten, motorischem und kognitivem Status durchgeführt. Es wurden Intraklassenkorrelationskoeffizienten (ICC; Modell 2,1) berechnet. Als Cut-off-Wert wurde 0,75 angenommen.

Ergebnisse: Die Reliabilitätsanalyse von 2 Messtagen zeigte in der Gesamtgruppe für zusammengesetzte Parameter hohe ICCs (aktives und passives Verhalten: beide 0,82) und für Einzelparameter moderate (Stehdauer: 0,73; Anzahl Transfers Aufstehen: 0,75; Anzahl Transfers Hinsetzen: 0,76) bis unzureichende ICCs (Schrittzahl: 0,22; Gehdauer: 0,33). Erfassungen durch 3 Messtage verbesserten die Ergebnisse der ICCs nur wenig (aktives und passives Verhalten: beide 0,82, Stehdauer: 0,74; Anzahl Transfers Aufstehen: 0,85; Anzahl Transfers Hinsetzen: 0,82; Schrittzahl: 0,23; Gehdauer: 0,34). Für die Subgruppen zeigten sich, abhängig von den jeweiligen Einzelparametern, zum Teil abweichende Ergebnisse.

Schlussfolgerung: Zwei Messtage sind ausreichend, um zusammengesetzte Messparameter und spezifische Einzelparameter, erfasst durch technische, sensorbasierte Messungen, bei hochbetagten Menschen mit Demenz zu dokumentieren. Negative Abweichungen bei Einzelparametern deuten möglicherweise auf die unzureichende Erfassungsqualität der Gehaktivität bei dieser vulnerablen Untersuchungsgruppe mit abweichendem Gangmuster hin.

11:45
Nutzerorientierte Evaluation der Effektivität eines robotergestützten Rollators mit Navigationssystem
S323-02 

C. Werner, G. P. Moustris, C. S. Tzafestas, K. Hauer; Heidelberg, Athen/GR

Hintergrund: Robotergestützte Rollatoren (RR) besitzen intelligente Funktionen zur motorischen (z.B. Sitzen-Stehen-Transfer), sensorischen (z.B. Hindernisumgehung) und/oder kognitiven (z.B. Navigationssystem) Unterstützung. Nutzerorientierte Evaluationsstudien mit adäquaten Stichproben(-größen), geeigneten Assessmentmethoden und statistischer Ergebnisüberprüfung fehlen bislang, um die Effektivität dieser innovativen Funktionen aus der Perspektive potentieller Endnutzer zu überprüfen. 

Zielstellung: Ziel dieser Studie war es, die Effektivität eines RR mit Navigationssystem aus der Perspektive der Endnutzer zu evaluieren. 

Methodik: 20 kognitiv beeinträchtigte (Mini-Mental State Examination [MMSE] 17-26) und 22 kognitiv intakte (MMSE > 26), ältere Rollator-Nutzer (82,5 ± 8,7 Jahre) nahmen an der Studie teil. Die Teilnehmer wurden nach kognitivem Status gematcht und zufällig einer von zwei Testbedingungen zugeordnet: RR (1) mit oder (2) ohne Navigationssystem. Alle Teilnehmer absolvierten mit dem RR einen Navigationskurs in einer ihnen nicht vertrauten Umgebung. Teilnehmer mit aktiviertem Navigationssystem wurden durch auditive Richtungshinweise des Navigationssystems bei der Zielfindung unterstützt. Teilnehmer ohne Navigationssystem waren angehalten, sich an üblichen Hinweisschildern zu orientieren, um das Ziel zu erreichen. Die Navigationsleistung wurde anhand der Zeitdauer, Geh-/Stoppzeit, Anzahl an Stopps und der Gehstrecke bewertet, die mittels der integrierten Sensortechnik des RRs erfasst wurden.

Ergebnisse: Zweifaktorielle Varianzanalysen (kognitiver Status ´ Navigation) zeigten signifikante Interaktionseffekte in allen Endpunkten (p = 0,003-0,037). Post-hoc Analysen ergaben, dass ein aktiviertes Navigationssystem zu einer reduzierten Zeitdauer, Geh-/Stoppzeit, Anzahl an Stopps und Gehstrecke bei kognitiv beeinträchtigten Teilnehmern führt (p ≤ 0,001), nicht jedoch bei kognitiv intakten Teilnehmern (p = 0,479-0,770).

Schlussfolgerung: Der RR mit Navigationssystem erwies sich als effektiv, um kognitiv beeinträchtigte Rollator-Nutzer bei der Navigation innerhalb nicht vertrauter Umgebungen zu unterstützen.

12:00
Effektivität von sensor-gestütztem Balance- und Gangtraining: systematisches Review und Meta-Analyse
S323-03 

K. Gordt, T. Gerhardy, B. Najafi, M. Schwenk; Heidelberg, Houston/USA

Hintergrund: Am Körper getragene Sensoren (wearables) erlauben eine präzise Bestimmung von menschlichen Bewegungen und damit auch Feedback zu motorischem Lernen während Trainingsprogrammen. Ziel dieses Reviews war es, die Effektivität von sensor-gestütztem Balance- und Gangtrainingsprogrammen anhand der aktuellen Studienlage zu bestimmen.

Methoden: Eine systematische Literaturrecherche wurde in den Datenbanken PubMed, Cochrane, Web of Science und CINAHL durchgeführt. Eingeschlossen wurden randomisierte, kontrollierte Studien, die ein Trainingsprogramm mit tragbaren Sensoren durchführten. Eine Meta-Analyse wurde zur Bestimmung der Trainingseffekte auf Balance- (posturale Schwankungen) und Gangparameter (habituelle Ganggeschwindigkeit) durchgeführt.

Ergebnisse: Insgesamt wurden acht Studien (Parkinson n=2, Schlaganfall n=1, Parkinson/Schlaganfall n=1, Periphere Neuropathie n=2, gebrechliche Ältere n=1, gesunde Ältere n=1) eingeschlossen. Die Stichprobengrößen waren mit 20 bis 40 Personen relativ klein. Es konnten drei Trainingsparadigmen identifiziert werden: 1) posturale Balance während des Stehens, 2) dynamische Balance während des Stehens 3) Gangtraining. Die Meta-Analyse zeigte große Effekte des Sensortrainings auf die posturale Balance während des Stehens (Standardized mean difference, SMD=1.04, Konfidenzintervall KI: 0.62-1.45), jedoch nicht auf die Ganggeschwindigkeit (SMD=-0.20, KI: -0.70-0.30). Einzelne Studien berichteten signifikante Verbesserungen für spezifische Gangparameter wie die Einbeinstandphase, medio-laterale Stabilität oder maximale Ganggeschwindigkeit. Zwei Studien berichteten positive Ergebnisse bezüglich der Durchführbarkeit des Sensortrainings. Nur eine Studie führte ein nicht supervisiertes Heimtraining durch.

Zusammenfassung: Dieses Review zeigt, dass Sensortraining zur Verbesserung der statischen Balance effektiv ist und einen Mehrwert gegenüber konventioneller Programme bietet. Für die Verbesserung spezifischer Gangdefizite liegt bisher nur begrenzte Evidenz vor. Die Ergebnisse des Reviews weisen auf das Potential dieser Technologie hin und rechtfertigen die Durchführung von qualitativ hochwertigen Studien.

12:15
Effekte eines computergestützten, spielebasierten Trainings auf motorisch-kognitive Fähigkeiten bei älteren Menschen
S323-04 

M. Günther-Lange, C. Werner, E. de Bruin, K. Hauer; Heidelberg, Zürich/CH

Hintergrund: Zielgerichtete virtuelle, spiele-basierte Trainingsansätze (Serious Games) ermöglichen ein effektives Training motorischer und kognitiver Fähigkeiten durch eine innovative Motivationsstrategie. Ziel der Studie ist die Überprüfung der Effektivität eines computergestützten, spielebasierten Trainings zur dynamischen posturalen Kontrolle bei älteren Personen.

Methoden: Ältere, kognitiv unauffällige Teilnehmer (n=58; MMSE ≥24, Alter: ∅=78,28) ambulanter geriatrischer Rehabilitationssportgruppen  nahmen an einem 10-wöchigem Training mit Follow-up im Rahmen einer randomisiert-kontrollierten Studie teil. Die Interventionsgruppe (IG, n=29) absolvierte ein computergestütztes, spielebasiertes Training (Dividat Step Plate®) zur zeitlich-räumlichen Schrittkontrolle als Reaktion auf einen visuellen Reiz (Aufgabenbereich 1, Level 1-5) bzw. mit zusätzlichen kognitiven Aufgaben (inhibitorischer Task, Aufgabenbereich 2, Level 6-10). Die Kontrollgruppe (KG, n=29) absolvierte kein zusätzliches Training. Erfasst wurden in den verschiedenen Leveln die zeitlich-räumliche Schrittkontrolle (durchschnittliche Reaktionszeit) sowie die Anzahl korrekter Reaktionen bewertet nach sechs Leistungsstufen (Summenscore).

Ergebnisse: Innerhalb des Aufgabenbereichs 1 zeigte die IG im Vergleich zur KG für nahezu alle Level signifikante Verbesserungen in der Reaktionszeit (Level  1-4: p < 0,001-0,040) und im Summenscore (Level 1-3: p < 0,001). Innerhalb des Aufgabenbereichs 2 ergaben sich signifikante Verbesserungen der IG gegenüber der KG für Level 9 und 10 in der Reaktionszeit (p < 0,001-0,049) und für Level 7,9 und 10 im Summenscore (p < 0,001-0,026). Für beide Aufgabenbereiche lassen sich nachhaltige Verbesserungen innerhalb der IG sowohl für die Reaktionszeit (Level 2-4 und 10: p < 0,001-0,034) als auch den Summenscore (Level 3,4 und 6: p < 0,001-0,047) feststellen.

Diskussion: Die Studienergebnisse zeigen, dass ein anspruchsvolles computergestütztes, spielebasiertes Training der dynamisch-posturalen Kontrolle bei älteren Menschen erfolgreich durchgeführt und eine Verbesserung der spezifischen kognitiv-motorischen Leistungsfähigkeit erreicht werden kann, die eine hohe Relevanz für die Gehsicherheit im Alter besitzt.

12:30
Sturzfrequenz bei geriatrischen Klinikpatienten ohne Risikofaktoren für einen Sturz
S323-05 

H. Frohnhofen, J. Schlitzer; Essen

Hintergrund: Stürze sind mit 15-20% häufig in einer geriatrischen Klinik. Sie sind für alte Menschen einerseits Indikatoren für Probleme und andererseits Ereignisse, die mit erheblichen negativen Folgen assoziiert sind. Eine Kernleistung in der Altersmedizin ist daher die Identifikation von Risikofaktoren für einen Sturz. Die Idee dahinter ist, durch Management dieser Risikofaktoren die Sturzinzidenz zu reduzieren. Hierzu wurden viele Instrumente entwickelt, jedoch besitzt keines dieser Tools eine ausreichend hohe Vorhersagekraft im Einzelfall. Wir untersuchten daher die Sturzinzidenz bei geriatrischen Klinikpatienten ohne offensichtliche Sturzrisikofaktoren, um damit eine basale und schicksalhafte Ereignisrate zu identifizieren.

Methodik: Wir analysierten retrospektiv Qualitätssicherungsdaten der Jahre 2008 bis 2013. Dabei untersuchten wir die Sturzhäufigkeit bei Patienten ohne Demenz (MMSE >25), ohne Sturz in den letzten sechs Monaten, ohne relevante Visusminderung und mit einem Barthel-Index von wenigsten 80 Punkten bei Klinikaufnahme. Die Erfassung aller Stürze erfolgt in der Klinik standardisiert mittels Dokumentationsbogen.

Ergebnisse: Von 7732 stationär behandelten Patienten stürzen 1386 wenigstens einmal (17,9%). Die oben genannten Selektionskriterien erfüllten 269 Patienten (3,5%). Von diesen Patienten stürzten fünf Patienten (2%). Sturzpatienten zeigten eine etwas niedrigeren Barthel-Index (90 IQR 85-95; vs 83 IQR 80-85; p< 0,03) und MMSE (29 IQR 27-30 vs. 26, IQR 26-27; p< 0,01).

Schlussfolgerung: Stürze ereignen sich auch bei älteren Patienten ohne offensichtlich erhöhtes Sturzrisiko. Dabei liegt die Sturzfrequenz bei diesen Menschen mit etwa 2% in der gleichen Größenordnung, wie bei einem durchschnittlichen Krankenhauskollektiv mit etwa 3%. Der Anteil dieser Patienten in der Geriatrie ist aber erwartungsgemäß mit weniger als 4% gering. Es stellt sich daher die Frage, ob nicht grundsätzlich jeder geriatrische Klinikpatient als grundsätzlich sturzgefährdet einzustufen ist und ob spezifische Tools, die über das Basisassessment hinausgehen, überhaupt erforderlich sind.

12:45
Kommunikation und Akzeptanz von Assistenzsystemen im ländlichen Raum
S323-06 

A. S. Esslinger, H. Truckenbrodt, Projektgruppe Gesundheitsmanagement; Fulda, Würzburg

Der möglichst lange Erhalt der Selbständigkeit und Unabhängigkeit ist auch im Alter ein Ziel der meisten Menschen. Insbesondere aber in ländlichen Regionen ist das Erreichen dieses Ziels mehrfach erschwert. Beispielsweise zieht es junge Menschen (meist beruflich bedingt) in die Ballungsräume/Städte und das direkte soziale Netzwerk verkleinert sich. Zudem verändern sich Familienstrukturen und man bleibt in der häuslichen Umgebung oftmals alleine. Dazu kommt, dass aufgrund von gesundheitlichen Einschränkungen die eigene Mobilität abnimmt und man abhängig wird vom Bezug externer Hilfe. Allerorts wird nun in diesem Zusammenhang von den Vorteilen des Einsatzes von Assistenzsystemen (AAL-Leistungen) gesprochen.

Tatsächlich sind AAL-Leistungen sinnvoll und können unterstützend wirken. Dies kann aber nur so sein, wenn sie den Adressatenkreis auch wirklich erreichen. Wie die vorhandenen Assistenzsysteme tatsächlich sinnhaft an die Nutzer vermittelt werden können und wie anschließend vor allem die Akzeptanz auf Nutzerseite erhöht werden kann, steht im Mittelpunkt des Beitrags.

Es wird anhand eines Fallbeispiels in einem „Dorfhaus“ im ländlichen Raum geschildert, wie zunächst, in Kooperation eines bereits bestehenden LEADER-geförderten Vereins ein Konzept zur Kommunikation und Akzeptanz von AAL-Leistungen entwickelt wurde und dieses anschließend in die Umsetzung gelangte. In dem Dorfhaus sind seit gut einem Jahr Assistenzsysteme etabliert und wurden für die Allgemeinheit zugänglich gemacht. Erfahrungen aus der Entwicklungs- und Umsetzungsphase des Projektes werden vorgestellt und zur Diskussion gestellt. Erfolgsbausteine und Hindernisse werden ebenso verdeutlicht.

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