Freitag, 29.09.2017

08:00 - 09:30

Hörsaal 8

S212

Schmerz und Psyche im Alter

Moderation: D. Wolter, Aabenraa/DK; M. Schuler, Mannheim

In der Schmerzmedizin wird der psychischen Dimension heute große Bedeutung beigemessen, doch in Bezug auf ältere Menschen gibt es hierzu nur wenig gesichertes Wissen.

In diesem Symposium sollen Grundlagen der wechselseitigen Zusammenhänge von psychischen Prozessen und psychischen Erkrankungen mit dem Erleben von Schmerzen vermittelt werden. Dabei stehen Demenzen und depressive Störungen als häufigste psychische Erkrankungen des höheren Alters im Zentrum.

Schmerzen bei Demenzerkrankungen finden aus gutem Grund immer mehr Interesse in der Forschung wie in der Versorgung, sind sie doch einerseits aufgrund der eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten oft nicht sicher festzustellen und können sie gleichwohl Auslöser herausfordernden Verhaltens sein.

Chronische nichttumorbedingter Schmerzen und Depressivität weisen nicht nur einige Überlappungen hinsichtlich ihrer Entstehung auf, sie treten im Verlauf auch oft in unheilvolle Wechselwirkungen im Sinne einer Abwärtsspirale ein; psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlungsansätze können gute Dienste leisten, diese Entwicklung zu einer Aufwärtsspirale umzukehren.

In der Behandlung chronischer nichttumorbedingter Schmerzen gewinnt die Psychologie, gewinnen psychologische bzw. psychotherapeutische Interventionen einen immer höheren Stellenwert – zumindest in der Theorie, leider noch viel zu wenig in der Praxis. Insbesondere bei älteren Patienten stellt sich die Frage, inwieweit die gewöhnlich an Jüngeren entwickelten Konzepte umsetzbar sind.

08:00
Schmerzen und Psyche im Alter
S212-01 

D. K. Wolter; Aabenraa/DK

Schmerzen gehören zu den häufigsten Gesundheitsbeschwerden im Alter. Die schmerzverarbeitenden neuronalen Systeme unterliegen Altersveränderungen, die jedoch eine große Variationsbreite aufweisen. Auf dem Weg vom Schmerzreiz zum Schmerzerleben kann das Gehirn, kann die Psyche entscheidend eingreifen und Schmerzen stärker oder schwächer erscheinen lassen. Neuropsychiatrische Störungen können das Schmerzerleben stark verändern, sie wirken sich aber auch belangvoll auf die Schmerzäußerung aus. Das gilt insbesondere für Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen und schizophrene Erkrankungen, aber auch für Sucht- und Demenzerkrankungen und schließlich Schlafstörungen, die sich stärker auf Schmerzen auswirken als umgekehrt. Psychiatrisch-psychotherapeutische Interventionen können genutzt werden, um Schmerzerleben und v. a. das Leiden an Schmerzen positiv zu beeinflussen. Psychopharmaka können dabei nicht nur indirekt (z. B. über die Reduzierung von Angst oder Depressivität) wirken, sondern auch direkte Effekte auf die Schmerzverarbeitung ausüben, wobei besonders noradrenerge Mechanismen von Bedeutung sind. Der wissenschaftliche Diskurs hat sich in den letzten Jahren fast ausschließlich auf Antidepressiva konzentriert. Daneben sind psychotherapeutische Interventionen mindestens ebenso bedeutsam, die in einem eigenen Vortrag dargestellt werden.  Süchtiges Verhalten bzw. Suchterkrankungen und Schmerzerleben haben zahlreiche psychologische und neurobiologische Gemeinsamkeiten, weshalb die Schmerzbehandlung von Suchtkranken eine große Herausforderung darstellt. Dies gilt insbesondere für Opioidanalgetika, die aber auch bei nicht süchtigen Patienten in eine Abhängigkeit führen können. Aufgrund der psychotropen Effekte dieser Substanzen kann es leicht geschehen, dass eine Besserung nicht auf einer Minderung von Schmerzen sondern auf einer Linderung des Leidens durch diese psychotropen Wirkungen beruht und sich im Gefolge eine komplexe persistierende Abhängigkeit entwickelt, die mit der illegalen Heroinsucht nicht gleichgesetzt werden darf ist. Es ist deshalb von entscheidender Bedeutung, dass Opioidanalgetika nur bei eindeutiger Indikation eingesetzt und bei ausbleibendem Erfolg auch wieder abgesetzt werden.  

Literatur:
Dirk K. Wolter: Schmerzen und Schmerzmittelabhängigkeit im Alter. Die gerontopsychiatrische Perspektive. Stuttgart: Kohlhammer 2017

08:20
Schmerz und Demenz
S212-02 

S. Lautenbacher; Bamberg

Klinischer Schmerz und Demenz sind zwei Probleme, die mit dem Alter in ihrer Häufigkeit stark zunehmen und daher immer öfter gemeinsam auftreten. Die Demenz verhindert durch den kognitiven Abbau und die Einschränkung sprachlicher Fertigkeiten zunehmend, dass der Schmerz ausreichend und präzise kommuniziert wird. Der Vortrag informiert darüber, dass es kaum wissenschaftliche Hinweise gibt, dass die Demenz den Schmerz abschwächt. Die zu beobachtende Unterversorgung von Demenzpatienten mit Schmerzmitteln lässt sich daher nicht durch einen nachlassenden Bedarf erklären, sondern ist wahrscheinlich nur den Kommunikationsproblemen geschuldet. Es werden Alternativen zum subjektiven Schmerzbericht in Form von Beobachtungsskalen vorgestellt. Es wird diskutiert, was solche Verfahren leisten können und wo sie noch Probleme aufweisen. Abschließend werden die Entwicklungsperspektiven der Schmerzmessung bei Demenzpatienten mittels Beobachtungsverfahren und intelligenten Videosystemen anhand von eigenen Forschungsansätzen aufgezeigt.

08:40
Schmerz und Depression
S212-03 

J. Hummel; Mannheim

In diesem Teil des Symposiums werden die Zusammenhänge, gegenseitige Auslösung und Verstärkung von chronischen Schmerzen und Depression im Alter anhand aktueller wissenschaftlicher Daten dargestellt. Die Diagnostik und die differentialdiagnostische Abgrenzung zu Komorbiditäten wie Angststörungen und Schlafstörungen ist hierbei oft schwierig. Es erfolgt ein kurzer Überblick über psychotherapeutische Interventionen.

09:00
Psychologische Schmerztherapie im höheren Lebensalter. Was geht in der Praxis?
S212-04 

P. Mattenklodt; Erlangen

Ältere Menschen mit chronischen Schmerzen haben ein erhöhtes Risiko, durch ihre Schmerzen in einer selbständigen Lebensführung und der Teilnahme am sozialen Leben beeinträchtigt zu werden. Kausale Therapieansätze sind aufgrund der vorhandenen Multimorbidität im höheren Lebensalter oft nicht möglich. Um die unerwünschten Folgen der Schmerzkrankheit zu vermeiden, sind psychosoziale Aspekte daher in der Diagnostik und Therapie älterer Menschen mit einzubeziehen.

Therapeutisch kann bereits eine sorgfältige Edukation das Schmerzmanagement verbessern (u.a. Vermittlung eines bio-psycho-sozialen Schmerzmodells und Erläutern von Selbsthilfetechniken). Dabei ist auch die Einbeziehung von Angehörigen zu erwägen. Darüber hinaus stehen verschiedene psychologische Verfahren zur Verfügung, die oft im Rahmen eines kognitiv-verhaltenstherapeutischen Schmerzbewältigungstrainings kombiniert angewandt werden. Akzeptanz von Schmerz und Alter, Balancierung von Ruhe und Aktivität ("Pacing") und Stärkung der sozialen Integration sind dabei wichtige Themen für die Schmerzpsychotherapie älterer Menschen. In neueren, akzeptanzbasierten Therapieprogrammen wird der Fokus darauf gelegt, die Schmerzakzeptanz und die Bereitschaft, bedeutsame Aktivitäten trotz fortbestehender Schmerzen auszuführen, zu fördern. Das Erlernen eines Entspannungsverfahrens mit CD-Unterstützung, eventuell ergänzt durch Imaginationen, könnte auch für ältere Menschen in der Primärversorgung ein hilfreicher psychologischer Therapiebaustein sein. Yoga, Tai Chi und Qi Gong können Alternativen hierzu sein. Da religiöse Einstellungen und Praktiken den Umgang mit dem Schmerz beeinflussen und gerade bei älteren Patienten verbreitet sind, ist zu erwägen, insbesondere bei dieser Patientengruppe religiöse Überzeugungen sowie religiös-begründete Umgangsweisen mit Schmerzen aktiv zu explorieren und in die Therapie einzubeziehen.

Besonders wirkungsvoll auch bei älteren Schmerzpatienten ist ein multimodales Vorgehen. Multimodale Therapien sind am erfolgreichsten bei Durchführung durch ein multiprofessionelles Team und dort, wo interdisziplinäre Teamarbeitsweise geübte Praxis ist.

Diskutant: M. Schuler, Mannheim

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