Freitag, 29.09.2017

17:00 - 18:30

Hörsaal 9

S233

Geriatrie und Otorhinologie - Altersmedizinische Kooperation der Geriatrie, HNO-Heilkunde und der Phoniatrie

Moderation: M. Westhofen, Aachen; C. Bollheimer, Aachen

17:00
Fragen des Geriaters an die Otorhinolaryngologie und Phoniatrie
S233-01 

C. Bollheimer; Aachen

17:15
Presbydysphagie - Ursachenvielfalt aus der Sicht des Geriaters
S233-02 

R. Wirth; Herne

Mit steigendem Lebensalter steigt auch die Prävalenz der oropharyngealen Dysphagie dramatisch an.  Die Vorstellung, dass physiologische Alterungsprozesse den Ablauf des Schluckaktes verändern haben den Begriff der Presbyphagie geprägt. Presbyphagie ist jedoch nicht gleichzusetzen mit Dysphagie. Bei einer Presbyphagie kann der Schluckakt sicher und suffizient ablaufen, ohne dass ein Aspirationsrisiko besteht. Altersbedingte Veränderungen wie verzögerte Triggerung des Schluckreflexes oder reduzierte Öffnung des oberen Ösophagussphinkter vermindern jedoch die Kompensationsreserve des Schluckvorgangs. Weitere altersbedingte Faktoren, die das Schlucken beeinflussen, sind eine Verminderung der Nervenleitgeschwindigkeit, eine reduzierte orale und pharyngeale Sensibilität und Sensorik, eine reduzierte Muskelmasse und Muskelkraft, Veränderungen der Wirbelsäule, des Bindegewebes und des Bandapparates. Beispielsweise scheint der Abbau der Muskulatur im Alter nicht nur für die Mobilität, sondern auch für den Schluckakt von erheblicher Bedeutung zu sein. Tatsächlich konnte bereits eine enge Beziehung zwischen Ausmaß einer  Schluckstörung und der schluckrelevanten Muskelmasse bzw. - kraft nachgewiesen werden. Zusätzlich zu diesen typischen Altersveränderungen, die mit dem Begriff primäre Presbyphagie beschrieben werden, existieren zahlreiche Faktoren, die häufig mit Erkrankungen im Alter, wie z.B. die vaskuläre Encephalopathie oder dementiellen Syndromen,  einhergehen und ebenfalls die Schluckfähigkeit beeinträchtigen und damit das Aspirationsrisiko deutlich erhöhen können. Dazu zählen auch die Therapie mit Opiaten, Neuroleptika, Sedativa, Anticholinergika, eine insuffiziente Mundhygiene und inadäquate zahnprothetische Versorgung sowie Immobilität mit instabiler  Körperposition bei der Nahrungsaufnahme. Insgesamt spricht man hier von einer sekundären Presbyphagie.

17:30
Dysphagiemanagement: Effektiv, effizient, evidenzbasiert
S233-03 

C. Hey; Marburg

Das gegenwärtige Gesundheitssystem fordert zunehmend den effizienten Umgang mit finanziellen und personellen Ressourcen. Doch gerade die Diagnostik und das Management von schluckgestörten Patienten sind zeit-, personal- und damit kostenintensiv und verlangen wie kaum ein anderes Störungsbild einen streng interdisziplinären Ansatz und Zugang. Die Zahl kompetenter Spezialisten in Bezug auf Diagnostik und Therapie ist gering, die Anzahl der Betroffenen hoch mit steigender Prävalenz- und Inzidenzrate. Wie also suffiziente Versorgung ermöglichen? In der Medizin verbessern formalisierte Versorgungsprotokolle grundsätzlich das Patienten-Outcome. Damit erfordert das Management schluckgestörter Patienten die Implementierung standardisierter Versorgungsprozesse, sog. Standard Operation Procedures (SOP). Die Einführung solcher SOPs steigert nicht nur die Qualität der Versorgung sondern auch die interdisziplinäre Schnittstellenoptimierung, was bei gegebenem Missverhältnis von Bedarf und Deckung sowie dem zunehmenden Kostendruck des aktuellen Gesundheitssystems dringend erforderlich ist. Die gleichzeitige Integration evidenzbasierten Vorgehens erzeugt Transparenz bei Patienten und Kostenträgern und fördert somit die Möglichkeit die erbrachten Leistungen abrechnungsrelevant darzustellen. Ein flächendeckendes standardisiertes und einheitliches Dysphagiemanagement fördert die Optimierung der Versorgung schluckgestörter Patienten: effektiv, effizient und evidenzbasiert.

 

Referenzen

1. Hinchey JA, Shephard T, Furie K, Smith D, Wang D, Tonn S. Formal dysphagia screening protocols prevent pneumonia. Stroke. 2005; 36(9):1972-6.

2. Titsworth WL et al. Prospective quality initiative to maximize dysphagia screening reduces hospital-acquired pneumonia prevalence in patients with stroke. Stroke. 2013; 44(11):3154-60.

3. Middleton S et al. Implementation of evidence-based treatment protocols to manage fever, hyperglycaemia, and swallowing dysfunction in acute stroke (QASC): a cluster randomised controlled trial. Lancet. 2011;378(9804):1699-706.

4. Daniels SK, Anderson JA, Willson PC. Valid items for screening dysphagia risk in patients with stroke: a systematic review. Stroke. Mar 2012;43(3):892-897.

5. Hey C, Lange BP, Aere C, Eberle S, Zaretsky Y, Sader R, Stover T, Wagenblast J. Predictability of oral and laryngopharyngeal function for aspiration and limitation of oral intake in patients after surgery for head and neck cancer. Anticancer Res. Aug 2013;

17:45
Presbyakusis - Mythen und Fakten - neue Wege aus der Schwerhörigkeit im Alter
S233-04 

C. Völter, J. P. Thomas, S. Dazert; Bochum

Schwerhörigkeit im Alter stellt mit einer Prävalenz von ca. 30% bei den über 65jährigen und ca. 50 % bei den über 80jährigen ein immer größeres Problem dar (Roth 2011). Während diese sog. “Altersschwerhörigkeit” früher hingenommen und oft nur unzureichend versorgt wurde, wird ihr in den vergangenen Jahren zunehmends Bedeutung geschenkt (Moser 2017, Humes 2016). Dabei betrifft diese nicht allein die sensorische Schädigung des Cortischen Organes oder die metabolische Störung der Stria vascularis, sondern umfasst auch strukturelle und funktionelle Veränderungen in der zentralen auditorischen Hörbahn und den Hörzentren. Neben weitreichenden psychischen Folgen wie Depressionen (Mick 2014) und körperlichen Auswirkungen wie einer erhöhten Sturzgefahr (Kamil 2016) deuten Untersuchungen auch auf die Wechselwirkung zwischen einer Hörstörung und dem Auftreten einer Demenz im Alter hin (Lin 2011, Su 2017).

Im Bereich der Hörrehabilitation hat sich in jüngster Zeit ein Wandel vollzogen; so stehen neben den konventionellen Hörgeräten heute verschiedene Mittelohrimplantate, implantierbare Knochenleitungshörsysteme oder Cochleaimplantate mit neuen oder erweiterten Indikationen zur Verfügung. Zahlreiche Studien belegen die positiven Auswirkungen einer adäquaten Versorgung vor allem bei ältereren schwerhörigen Menschen. Unter anderem auf die Lebensqualität (Olze 2016).

Dennoch ist trotz modernster Hörgeräteversorung mit Peakclipping oder Störschallunterdrückung bei Hörgeräten und neuesten Codierungsstrategien bei Cochleaimplantaten nicht bei allen Patienten ein zufriedenstellendes Sprachverstehen im Störlärm möglich. Ganz entscheidend sind hierfür vor allem im Alter die Top down Prozesse, die sich neben den Veränderungen am peripheren und zentralen Hörorgan im Alter in besonderem Maße verschlechtern können. Ob sich durch eine geeignete Hörrehabilitation das Auftreten einer Demenz verhindern lässt, kann derzeit noch nicht beantwortet werden, auch wenn diese Frage sicher gesellschaftliche Bedeutung hat (Mosnier 2016).

Vorgestellt werden sollen neben Theorien zur Entstehung der sog. Altersschwerhörigkeit die Auswirkungen derselben und die unterschiedlichen Optionen konservativer und chirurgischer Therapien.

18:00
Der komplexe Schwindel des Älteren - wann konservativ - wann operativ behandeln?
S233-05 

M. Westhofen; Aachen

In 30 % der Patienten im Alter > 65 J., bei 50% derer im Alter > 85 J. tritt Schwindel mit Sturzgefährdung auf. Für die Therapie bei Störung des Körpergleichgewichts durch mehr als zwei metachron oder synchron auftretende vestibuläre Funktionsstörungen fehlt bislang Evidenz. Randomisierte Studien hierzu liegen nicht vor. Das Konzept der Aachener Klinik bei komplexem Schwindel des alten Menschen berücksichtigt die differenzierte und quantitative Erfassung der gestörten Körperbalance, der Funktionsdiagnostik unter Berücksichtigung des trimodal arbeitenden vestibulären Systems und der vergleichenden Messung sensorischer Leistungen des Labyrinths, des Visus, der Propriozeption und der groben Kraft (Sensomotorik) sowie der zentralnervösen Koordination und der räumlichen Orientierung. Hieraus werden bei Älteren überwiegend Mehrfachdiagnosen formuliert. Nach einem Therapiealgorithmus werden sensorische Funktionsverbesserung oder Stabilisierung der Sensorfunktionen und der physiotherapeutische Aufbau der Kraft in den Extremitäten schrittweise vorgenommen. Die Labyrinthsensorfunktionen können im Einzelfall durch Medikation und fachübergreifende Abstimmung der Gesamtmedikation sowie im Einzelfall durch sorgfältig kontrollierte Indikation operativer neuromikrootochirurgischer Eingriffe verbessert oder wiederhergestellt werden. Nach Erreichen stabiler Sensorfunktionen wird ein individualisiertes sensomotorisches Training begonnen, das durch moderne Verfahren des dual-tasking verbessert wird. Während das therapeutische Vorgehen bei einzelnen Krankheitsentitäten wie z.B. M. Menière, vestibulärer Migräne, bilateraler Vestibulopathie und benignem paroxysmalem Lagerungsschwindel durch Leitlinien definiert ist, sind bei komplexem Schwindel Individualentscheidungen notwendig. Für die individualisierten Therapieentscheidungen wird auch auf Daten der Qualitätssicherung postoperativer Fallanalysen des Aachener und weltweit arbeitender Zentren zurückgegriffen. Der Beitrag der Neurootologie und Otomikroneurochirurgie zur Sturzprophylaxe des Älteren ist daher im Einzelfall mit überschaubarem Diagnoseaufwand mit prognostizierbarem Gewinn an Lebensqualität zu liefern.

18:15
Gestörte Chemosensorik im Alter - Lokale Funktionsstörung - Zeichen für neurale Systemdegeneration
S233-06 

J. Vent; Köln

Der Geruchssinn ist ein beim Menschen oft vernachlässigter Sinn, dabei kann er beim Menschen nicht nur als Genussorgan, sondern auch als Warnorgan und für tiefere cognitive Funktionen wie Erinnerung und Stimmungslage nützlich sein.

Im Alter verschiebt sich die Balance von Neuroneogenese und Apoptose der olfaktorischen Neuronen zu Ungunsten der Ausreifung neuer olfaktorischer Neuronen, was zu einem Nettoverlust der Riechsinneszellen führt. Eine schlechtere Riechfunktion ist aber nicht nur mit verminderter Lebensqualität und schlechter Ernährung assoziiert, sondern kann auch als Prodromalstadium bei neurodegenerativen Erkrankungen wie M. Parkinson, M. Alzheimer und anderen Demenzen sowie Depressionen unterschiedlicher Genese lange vor klinischer Diagnose der Grunderkrankung zu finden sein.

Die Diagnostik und Therapiemöglichkeiten der Riech- und Schmeckfunktion im besonderen Hinblick auf die Altersmedizin soll in diesem Beitrag vorgestellt werden, und aktuelle Literatur wird vorgestellt.

 

Smell Loss Predicts Mortality Risk Regardless of Dementia Conversion
Ingrid Ekström, MS, Sara Sjölund, MS, Steven Nordin, PhD, Annelie Nordin Adolfsson, MS, Rolf Adolfsson, MD, Lars-Göran Nilsson, PhD, Maria Larsson, PhD, and Jonas K. Olofsson, PhD

 

Diskutant: R. Wirth, Herne

Zurück






Plenum Wissen­schaft­liche Sitzung Lunch­symposium Gremium

 

Diese Website verwendet Cookies