Freitag, 29.09.2017

11:00 - 12:30

Hörsaal 9

S223

Freie Beiträge - Ethik und Sterben

Moderation: K. Hager, Hannover; T. Zieschang, Heidelberg

11:00
Ageism und Altersdiskriminierung - wirklich relevant?
S223-01 

K. Hager; Hannover

Hintergrund: Nicht zeitgemäße Altersbilder oder negative Stereotype können zu einer Benachteiligung oder Diskriminierung („age discrimination“, Altersdiskriminierung) alter Menschen bzw. alter Patienten führen. Der Hinweis auf Vorurteile gegenüber dem Alter wird Robert Butler, einem amerikanischen Gerontologen, zugeschrieben, der dafür in den 1960er Jahren den Begriff „Ageism“ prägte. Besitzen diese Überlegungen auch heute noch Bedeutung, existiert „Ageism“ wirklich?

Methoden: Literaturstudium

Resultate: (Vor)Urteile zum Lebensalter kennt jeder, z.B.: „Alte Menschen sind starrsinnig und können sich nicht mehr an neue Situationen anpassen“. In der Sprache werden sehr häufig negative Attribute durch „alt“ verstärkt (z.B. „alter Trottel“) und damit die Eigenschaft „alt“ in einem negativen Sinne verstärkend gebraucht. Negative Urteile dem hohen Alter gegenüber und das damit verbunden Risiko der Diskriminierung bestehen in vielen Ländern, wie eine Studie über die Verhältnisse in Europa aufzeigt. In dieser Europa gaben 26% der Befragten an, manchmal oder regelmäßig aufgrund des Alters diskriminiert zu werden, vor allem als Verbraucher und als Patient. In einer Erhebung in 2012 unter dem Titel „How ageist is Britain“ wurde eine Arbeit publiziert, in der Urteile und Stereotype gegenüber dem Alter in Großbritannien dargestellt werden. Nach Einschätzung der Befragten nahmen die Vorurteile gegenüber dem Alter in den zurückliegenden 5 Jahren eher noch gering zu, statt abzunehmen. Die Benachteiligung aufgrund des Alters war dabei die häufigste Form der Diskriminierung, noch vor der Benachteiligung aufgrund des Geschlechts, der Herkunft oder der Religion. Diese Vorurteile bestehen auch in den neuen Medien. So wurde das Altersbild auf Facebook untersucht. Dabei fanden sich nur wenige positive Hinweise zum Alter, ganz überwiegend jedoch negative Aussagen.

Fazit: Insgesamt ist davon auszugehen, dass etwa jeder Vierte von Vorurteilen oder gar Diskriminierung betroffen ist. Die Dunkelziffer wird aber weit höher liegen. Der Kampf gegen Diskriminierung, auch und vor allem dem Alter gegenüber, ist daher weiterhin nötig.

11:15
Gut altern in pallottinischen Gemeinschaften (GAGE) Wissenschaftliche Beratung und Unterstützung der Provinz der Pallottiner zu Fragen des Alterns und der Pflege
S223-02 

H. Brandenburg, H. Heil, J. Bauer; Vallendar

Hintergrund: Der demografische Wandel zeigt sich besonders in Ordensgemeinschaften. Auch die Pallottiner, eine religiöse Gemeinschaft, welche von Vinzenz Pallotti gegründet wurde, ist betroffen. Hier stehen drängende pflege- und versorgungsfachliche Themen zur Diskussion. Die pflegewissenschaftliche und die theologische Fakultät der PTHV führt seit 2016 ein zweijähriges, wissenschaftlich gestütztes Beratungs- und Unterstützungsprojekt zu dieser Thematik durch.

Methoden: Erster Schritt des Projektes war eine systematische Literaturrecherche zum Thema "Altern, Pflege und Versorgung in religiösen Gemeinschaften". Im nächsten Schritt wurden mit den Rektoren der verschiedenen Kommunitäten und älteren Pallottinern 17 Problemzentrierte Interviews (Witzel, 1982) geführt und mit der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2010) ausgewertet. Ziel war es Herausforderungen, Erfahrungen und Umgangsweisen mit der (Pflege)-Versorgungsthematik in der pallottinischen Gemeinschaft zu analysieren.

Ergebnisse: Bei der Literaturrecherche zeigte sich, dass diesem Thema in der (Pflege)wissenschaft bisher wenig Beachtung geschenkt wurde. Einzig in theologischen Fachzeitschriften fanden sich verschiedene Artikel zum Thema. Ergebnisse der Befragungen zeigen ein hohes Durchschnittsalter von über 70 Jahren in acht Niederlassungen. Ein zentrales Ergebnis war weiterhin, dass verschiedene Lösungen für die Kommunitäten gefunden werden müssen; eine "Generallösung" macht wenig Sinn. Deutlich wurde, dass die meisten älteren Pallottiner mit ihrem Leben zufrieden sind, dabei spielt der Glaube eine wichtige Rolle. Einzelne Pallottiner leiden unter körperlichen Einschränkungen und können deshalb keiner Aufgabe mehr nachgehen, dies hat negative Auswirkungen auf die erlebte Lebensqualität der Betroffenen.

Diskussion und Ausblick: Eine Steuerungsgruppe, bestehend aus verantwortlichen Pallottinern und Projektmitarbeitern der PTHV wurde initiiert, die konkret als Beratungs- und Unterstützungsgremium fungieren soll. Bei einem Treffen im Februar 2017 wurden die bisherigen Ergebnisse intensiv diskutiert. Außerdem werden die Ergebnisse der Befragungen in den einzelnen Kommunitäten vorgestellt und besprochen.

11:30
Ethische Evaluation am Beispiel des EU-Forschungsprojekts KRISTINA
S223-03 

M. Brachthäuser, V. Sarholz, J. Mohr, G. Eschweiler, L. Wanner; Tübingen, Barcelona/E

Die Forschung und technische Entwicklungen im Bereich neue Medien, künstliche Intelligenz und Mensch-Maschine-Interaktion schreiten rasch voran und beeinflussen zunehmend unsere alltägliche Kommunikation und Lebenswelt. Es bieten sich auch im Gesundheitswesen zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten solcher Entwicklungen, wie z.B. als assistive Technologien. Ethische, soziale und normative Implikationen gehen angesichts dieser immer umfangreicheren technischen Möglichkeiten oft über das eigentliche Forschungsprojekt hinaus. Somit ist es geboten, forschungsethische und rechtliche Fragestellungen zu untersuchen, bevor die Auswirkungen dieser Forschungsentwicklungen bereits Einzug halten. In der Europäischen Union stellt die rechtliche Grundordnung u.a. das Recht auf Schutz der Privatsphäre in den Vordergrund.

In diesem Beitrag wird anhand des EU-Forschungsprojektes KRISTINA die Evaluation ethischer Aspekte basierend auf dem MEESTAR-Modell nach Manzeschke et al. (2015) vorgestellt und diskutiert. Im Rahmen des KRISTINA-Projekts wird der Prototyp eines multilingualen, wissensbasierten virtuellen Agenten mit sozialer Interaktionskompetenz entwickelt. Der virtuelle Agent soll die Funktion eines intelligenten Pflegebegleiters für Menschen mit Migrationshintergrund erfüllen. Dazu muss er die Bedürfnisse der Nutzer_innen in Sprache, Mimik und Gestik erkennen, interpretieren und adäquat reagieren.

Mittels des MEESTAR-Modells wurden von technischen Partner_innen und Anwendungspartner_innen gemeinsam relevante Fragestellungen zu Prinzipien wie Privatheit und Gerechtigkeit und Teilhabe identifiziert und in eine Bewertungsmatrix eingeordnet. Der Fokus richtete sich anhand von Beispielszenarien sowohl auf den Prototypen als auch die mögliche zukünftige Anwendung des Agenten. Hierbei stellte sich u.a. die Grenze zwischen Informationsvermittlung durch einen Kommunikationsagenten und einer Beratung problematisch dar. Im Hinblick auf ein marktreifes Produkt wurden weiterreichende Fragen des Datenschutzes und -missbrauchs sowie mögliche normative Konflikte (z.B. medizinische vs. religiöse Normen) diskutiert. Es offenbarten sich ethische Problemstellungen, die zuvor nicht im Fokus des Projektteams standen. Einige Faktoren, welche die Prototypenentwicklung betrafen, konnten überarbeitet und revidiert werden, jedoch sind weitere Lösungsansätze im Hinblick auf ein fertiges Produkt notwendig.

Der dargestellte Evaluationsprozess kann über das dargestellte Projekt hinaus auch für andere Forschungsprojekte im Bereich assistiver Technologien von Interesse sein.

11:45
Prognose nicht onkologischer Palliativpatienten in der Geriatrie
S223-04 

A. Simon, H. Frohnhofen, J. Schlitzer; Marl, Essen

Hintergrund: Die Identifikation geriatrischer Patienten ohne Tumorerkrankung mit überwiegendem palliativem Versorgungsbedarf ist nach wie vor eine große Herausforderung. Verlässliche und einfach zu erhebende Parameter mit prognostischer Aussagekraft wären wünschenswert. Mittels Faktorenanalyse konnten die Parameter ADL-Verlust, irreversible Bettlägerigkeit und Vigilanzminderung als Konstellation identifiziert werden, die als palliative Situation interpretierbar ist. Jedoch fehlen bisher valide Prognosedaten.

Methodik: Wir analysierten retrospektiv die Überlebenszeit von zufällig ausgewählt Patienten einer geriatrischen Klinik, die in den vergangenen 5 Jahren dort behandelt worden waren. Bei den Patienten wurde die Anzahl der statistisch ermittelten (ADL-Verlust, Bettlägerigkeit,  Vigilanzminderung) erhoben und die Überlebenszeit durch telefonische Kontaktaufnahme mit den Hausärzten erfragt.

Ergebnisse: Die Daten von 164 ehemaligen geriatrischen Klinikpatienten konnten analysiert werden. 48 (29%) Patienten waren Männern und 116 (71%) Patienten waren Frauen.

Die Anzahl der Patienten ohne bzw. mit einem bis drei Palliativkriterien sowie die mediane Überlebenszeit lauten wie folgt:

Kein Kriterium: N= 85(52%), mediane ÜLT: 156 Wochen (IQR 48-230); ein Kriterium: N=20 (12%), mediane ÜLT 99 Wochen (IQR 33-154); zwei Kriterien: N=21(12%); mediane ÜLT 25 Wochen (IQR 5-98); drei Kriterien: N=38 (24%), mediane ÜLT 17 Wochen (IQR 7-98).

Schlussfolgerung: Fast die Hälfte geriatrischer Klinikpatienten zeigt wenigstens ein Palliativkriterium. Bei Vorliegen schon eines Kriteriums reduziert sich die mediane Überlebenszeit signifikant. Liegen zwei oder drei Kriterien gleichzeitig vor, reduziert sich die mediane verblieben Lebenszeit weiter deutlich und erreicht einen Wert, wie er auch bei onkologischen Patienten gefunden wird.

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