Freitag, 29.09.2017

11:00 - 12:30

Hörsaal 8

S222

Aktuelle Themen der Gerontopsychiatrie

Moderation: G. Adler, Mannheim; R. Kortus, St. Ingbert; D. Wolter, Aabenraa/DK

Symposium der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und –psychotherapie (DGGPP)

Traditionell werden im Symposium der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und –psychotherapie (DGGPP) beim Geriatrie-Kongress verschiedene aktuelle Themen der Gerontopsychiatrie dargestellt, wobei der Schwerpunkt auf der klinischen Praxis liegt. Die beiden großen Problemfelder Demenz und Depression sind auch diesmal vertreten. Dabei geht es einerseits um die Pharmakotherapie und andererseits um differenzialdiagnostische Fragen („Demenz … oder Depression … oder beides?“), aber es soll auch ein Blick auf neue Entwicklung im Verständnis und der Klassifikation von Demenzerkrankungen gewagt werden.

Jenseits der „Standardthemen“ Depression und Demenz beleuchtet darüber hinaus ein Vortrag die Frage, wie Sexualität auch im (hohen) Alter und trotz Erkrankung gelebt werden kann.

11:00
Sexualität - Alter - Krankheit: ist das vereinbar?
S222-01 

R. Kortus; St. Ingbert

Im folgenden Beitrag soll das Thema weniger wissenschaftlich als aus gerontopsychiatrischer Sicht praxisorientiert angegangen werden. Sexualität ist ein menschliches Grundbedürfnis, das sich je nach Definition vom Säuglingsalter über Kindheit und Pubertät bis in Partnerschaft und Familie und schließlich in das Alterserleben hinein zieht. – Im Verlauf spielen Partnerschaft und Liebe eine immer wichtigere Rolle mit Vertrautheit, Verlässlichkeit, Intimität et cetera. Selbst als gesunder alter Mensch wird man mit Veränderungen der Sexualität konfrontiert. Sexualität kann trotzdem noch sehr erfüllt und fruchtbar sein (Picasso usw.), auch bei Frauen wird inzwischen vereinzelt von Geburten im Alter von über 50, sogar 60 Jahren berichtet. Verschiedene häufige Erkrankungen können typischerweise die Sexualität im Alter beeinträchtigen. Nebenbei bemerkt, sind dies überwiegend „Zivilisationskrankheiten“ die im Rahmen unserer oft unnatürlichen Lebensweise vermehrt auftretenden. In der Gerontopsychiatrie spielen zwei häufige Erkrankungen eine wesentliche Rolle bei der Beeinträchtigung der Sexualität: die Altersdepression, natürlich erschwerend, wenn sie mit Partnerverlust einhergeht und eine erneute Partnerschaft unvorstellbar erscheint, die Demenzen, die das Ausdrucksverhalten massiv verändern und beeinträchtigen können. Das Leben im Heim stellt noch immer eine gewisse Hürde dar, wenngleich in den letzten Jahren hier auch mehr Offenheit gegenüber den sexuellen Bedürfnissen alter Bewohner zu bemerken ist und verschiedene Wege gesucht werden (unter anderem „Berührerinnen“). Hier machen sich Bemühungen um Menschenwürde und Recht auf Entfaltung zunehmend positiv bemerkbar. Fazit: Sexualität und Alter schließen sich überhaupt nicht aus. – Und selbst die Beeinträchtigungen durch Erkrankungen lassen sich oft in Grenzen halten oder überwinden   1. durch zielgerichtete/symptomatische Therapie, gegebenenfalls auch Anwendung verschiedener Hilfsmittel, 2. durch vermehrtes Erleben von Nähe, Verständnis und Zärtlichkeit einschließlich manueller Praktiken. Unser Anliegen sollte darin bestehen, die Schwierigkeiten der Sexualität im Alter weiter zu enttabuisieren und im Gegenteil zu Sex und Liebe im Alter zu raten denn: Sie aktivieren das Immunsystem, vermehren Lebensfreude und -bejahung, erhöhen somit die Lebensqualität und erlauben wieder Teilhabe am vollständigen Leben in Würde und Glück.

11:15
Demenz oder Depression oder beides?
S222-02 

T. Fey; Münster

Depressionen gelten als Risikofaktoren für die zwei häufigsten Demenzsubgruppen, die Demenz vom Alzheimertyp (DAT) und die vaskulären Demenzerkrankungen (VD). Oft sind sie maßgeblicher klinischer Bestandteil der Prodromalphase dementieller Entwicklungen, die auch im Verlauf vielfach von depressiven Symptomen begleitet werden. Andererseits gehen Depressionen auch ohne dementielle Entwicklungen mit kognitiven Defiziten einher, hiervon sind aber andere kognitive Domänen als bei der DAT betroffen. Der Begriff der Pseudodemenz wird unter der Annahme verwendet, dass kognitive Beeinträchtigungen bei Depressionen reversibel seien. Dies ist zwar überwiegend, aber nicht regelhaft zutreffend. Depressionen können ihrerseits zu hirnstrukturellen Veränderungen führen, die die Entstehung dementieller Erkrankungen begünstigen.
Zur Differenzierung zwischen kognitiven Defiziten bei Depressionen und bei Demenzerkrankungen gibt es eine Reihe klinisch-anamnestische Kriterien, die zwar richtungsweisend sind, aber eine nur mäßige Trennschärfe aufweisen. Die im geriatrischen Assessment verwendeten Demenz- und Depressions-Screening-Tests sind zur sicheren Differenzierung nicht hinreichend. Cerebral-bildgebende Verfahren können als wichtiger ergänzender diagnostischer Baustein fungieren, erreichen aber in ihrer diagnostischen Aussagekraft nicht den Grad der Spezifität und Sensitivität liquordiagnostischer Demenzparameter. Differenziertere neuropsychiatrische Testverfahren, wie sie in Gedächtnissprechstunden zur Anwendung kommen, können eine hilfreiche Ergänzung sein.

11:30
Antidepressiva beim alten Menschen
S222-03 

R. T. Schaub; Weinsberg

Die Verordnungshäufigkeit von Antidepressiva für ältere Menschen hat in den letzten Jahren zugenommen. Dabei ist die empirische Basis für diese Entwicklung immer noch zu dünn und teils auch widersprüchlich. Dies bezieht sich nicht nur auf die Wirksamkeit pharmakologischer antidepressiver Interventionen auf die primäre Zielsymptomatik, sondern auch auf mögliche kurz- und langfristige unerwünschte Effekte, zB im Hinblick auf die Diskussion um ein erhöhtes Demenzrisiko verschiedener Antidepressiva-Klassen. Besondere Fragen beziehen sich dabei auf Therapie-Modalitäten in speziellen Populationen (z.B. post-stroke-Depression, Depressionstherapie bei sehr Hochbetagten wie auch bei Patienten mit Demenzerkrankungen), sowie auf die Thematik des medizinischen Kontextes, innerhalb dessen Antidepressiva eingesetzt werden (können), etwa die Behandlung bei Multimorbidität und Polypharmazie mit entsprechenden pharmakologischen und systemischen Interaktionspotenzialen.

Dennoch lassen sich mittlerweile rationale Therapiestrategien beschreiben, sowohl im Hinblick auf die Akut- wie auch auf die Erhaltungstherapie mit Antidepressiva, bei denen das Risk-Benefit-Ratio als positiv zu bewerten ist.

11:45
Antidementiva - Update 2017
S222-04 

G. Adler; Mannheim

Die aktuelle Behandlungssituation und neuere Erkenntnisse zur Behandlung mit Antidementiva werden vor dem Hintergrund der S3-Leitlinie „Demenzen“ der DGPPN und DGN dargestellt. Die Auswertung von GKV-Daten zeigt, dass von den Antidementiva eher zurückhaltend Gebrauch gemacht wird. Etwa ein Viertel der Demenz-Patienten wird mit Antidementiva behandelt. Bei den Patienten mit Alzheimer-Demenz sind es etwa 40%, bei anderen Demenzformen etwa 10-20%. Andererseit werden deutlich mehr Demenz-Patienten mit Neuroleptika als mit Antidementiva behandelt, was angesichts des Gefahrenpotentials dieser Medikamentengruppe bedenklich erscheint. Was die Nebenwirkungen der Antidementiva betrifft, so werden in Pharmakovigilanz-Studien kardiovaskuläre Nebenwirkungen häufiger als in den Zulassungsstudien berichtet, insbesondere AV-Block, Linksschenkblock oder Bradykardien. Davon sind allerdings insbesondere Patienten mit Multimorbidität und Polypharmakotherapie betroffen. In naturalistischen Längsschnittstudien zeigt sich jedoch im Mittel eine  längere Überlebenszeit und ein geringeres Schlaganfallrisiko bei den Patienten, die über längere Zeiträume und mit höheren Dosen von Acetylcholinesterase-Hemmern behandelt wurden.

12:00
Neue Entwicklungen im Verständnis von Demenzerkrankungen
S222-05 

D. K. Wolter; Aabenraa/DK

Verständnis und Klassifikation der Demenzen haben sich erheblich verändert. In 5. Revision des amerikanischen Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5) wird der Begriff Demenz nur noch als auslaufende Bezeichnung verwendet. Stattdessen ist jetzt von Neurocognitive Disorders NCD (neurokognitive Störungen) die Rede. Dabei spielt nicht nur eine Rolle, dass der oft als diskriminierend empfundene Demenzbegriff vermieden werden soll, wenn es z. B. um kognitive Defizite nach Schädel-Hirn-Trauma bei jungen Menschen geht, vielmehr kommt hierhin auch ein grundlegender konzeptioneller Wandel zum Ausdruck: Während bisher Defizite des (Neu-) Gedächtnisses für die Diagnose obligatorisch waren, kann jetzt eine schwere NCD selbst dann diagnostiziert werden, wenn keine relevanten Gedächtnisprobleme vorliegen. Vielmehr müssen nun für eine schwere NCD Beeinträchtigungen in mindestens 2 von 6 neuropsychologischen Domänen bestehen, die im DSM-5 definiert sind. Die ICD-11 wird diese Konzeptionen weitgehend übernehmen.

Auch innerhalb der etablierten Demenzkategorien geschehen Veränderungen, indem etwa Subtypen nicht nur der frontotemporalen Demenzen, sondern auch der Alzheimer-Demenz herausgearbeitet und diagnostische Kriterien präzisiert werden. Die differenzialdiagnostischen Probleme zwischen Demenz, Depression, Apathie und anderen Verhaltensauffälligkeiten spiegeln sich in der heterogenen Kategorie Late Onset Frontal Lobe Syndrome wider.

Viel Diskussionsstoff liefert auch die Entdeckung, dass Demenz-Syndrome, die klinisch wie eine Alzheimer-Demenz imponieren, auch ohne Amyloid- bzw. ohne Alzheimer-Pathologie auftreten können: Suspected Non-Alzheimer/Non-Amyloid Pathophysiology (SNAP) und Primary Age-Related Tauopathy (PART). Aufgrund unterschiedlicher Verlaufscharakteristika können diese Befunde für die Bewertung epidemiologischer Daten wichtig sein.

Mehrere Studien aus der jüngeren Vergangenheit deuten auf einen Rückgang der Neuerkrankungshäufigkeit von Demenzen hin, was mit dem Erfolg von Präventionsmaßnahmen gegen Herz-Kreislauferkrankungen in Verbindung gebracht wird.

 

Diskutantin: R. A. Fehrenbach, Saarbrücken

Zurück






Plenum Wissen­schaft­liche Sitzung Lunch­symposium Gremium

 

Diese Website verwendet Cookies